Tempora mutantur, et nos mutamur in illis

„Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen“. Als junger Lateinschüler in der Sekundarschule begegnete ich diesem Ausspruch schon früh. Habe ich ihn auch begriffen? Wahrscheinlich schon. Denn es ist eine banale Feststellung, die jedeR macht. Allein Übergänge von der Kindheit in die Pubertät, von der Ausbildung ins Arbeitsleben oder vom Single zum Familienmenschen bringen in mancher Hinsicht grosse Änderungen mit sich. Zudem bin ich an einem Ort aufgewachsen, der historisch unterschiedliche Perioden erlebte. Hinweise auf prähistorische Pfahlbauten im 4. Jahrtausend v. Chr. lässt Arbon seit 2011 die Auszeichnung „Weltkulturerbe der UNESCO“ tragen. Während der römischen Herrschaft stand auf dem Bergli eine befestigte Siedlung mit Namen Arbor felix (der glückliche Baum). Im 7. Jahrhundert soll Gallus in Arbon und im Arboner Forst seine Missionswanderung Richtung Italien gestoppt haben, Kolumban zog weiter (PS 1: Historisch gesehen ist für diese Zeit aber vieles unklar.) Klosterleute aus der Reichenau gründeten rund 100 Jahre nach dem Tod des Gallus über dessen vermuteter Zelle im Wald am Bach Steinach das Kloster Sankt Gallen. (PS 2: Wurde Gallus als „invention of tradition“ verwendet?)
Seit dem frühen Mittelalter gehörte Arbon zum Bistum Konstanz. Ende des 15. Jahrhunderts kam die Region unter die Vogtei der Eidgenossenschaft, bis Napoleon 1803 den eigenständigen Kanton Thurgau errichten liess. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt am Bodensee zum Industrieort. Die Firma Saurer AG mit ihren legendären Lastwagen oder Postautos ist mancherorts bekannt. Heute wird Saurer aus China geleitet. Fahrzeuge gibt es keine mehr. So viel, so kurz. Im Frühling 2020 werde ich eine persönlich gefärbte Reportage über Arbon schreiben, Vorarbeiten haben begonnen. (PS 3: Wegen der Corona-Pandemie verzögert sich die Reportage wohl in den Sommer 2020 hinein.)

Von der lokalen Geschichte meines Geburtsortes ziehe ich eine Kurve zur weltweiten Religionsgeschichte. Vor mir liegen drei dicke Bücher. Sie illustrieren ebenfalls den lateinischen Satz im Titel. Und rufen nach einer weiteren lateinischen Weisheit: „Scio me nihil scire.“ Sie geht auf den griechischen Philosophen Sokrates zurück und bedeutet. „Ich weiss, dass ich nichts weiss.“

Als 20-jähriger begann ich parallel zu diversen handfesten Praktika mein Studium der Theologie, der Religionswissenschaft und der Journalistik. Damals hatte ich keine Ahnung, davon aber viel. Fast 50 Jahre später stimme ich als Pensionär, Grossvater und vielgereister Mann Sokrates noch immer zu: ich weiss, dass ich nichts weiss. Oder höchstens wenige Fragmente. Geblieben sind mir Entdecker-Freude und Neugier. Ich geniesse Horizonterweiterungen und Kombinationen aus unterschiedlichsten Ressorts.

Um einige religionswissenschaftliche Fragmente zu verbinden und kritische Fragen zu stellen, lädt die Lektüre der drei Bücher ein. Es sind:
Bernhard Maier, Die Ordnung des Himmels. Eine Geschichte der Religionen von der Steinzeit bis heute
– Neil MacGregor, Leben mit den Göttern
– Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hrsg.), Imperium der Götter. Isis – Mithras – Christus. Kulte und Religionen im römischen Reich

Hier nur kurze Beobachtungen, ein längerer Text wird in der Rubrik Mikroskop unter „Kulturelle Phänomene“ folgen. (PS 4: „Vom Umgang mit Gottheiten – eine Weltreise“. Am 23. Mai 2020 hochgeladen, ebenso alle 4 PS.)

Bernhard Maier beginnt mit ältesten Zeugnissen von Religion, mit der Kultur von Bestattungen. Gemessen an der Entwicklung der Gattung Mensch lässt sich wenig überblicken, vielleicht knapp 40’000 bis 80’000 Jahre. Fast nichts! Und schriftliche Überlieferungen finden sich erst im frühen dritten Jahrtausend. Also „gestern“ um Mitternacht. Der Autor beleuchtet in 25 Kapiteln Eigenheiten, Parallelen, Schlüsselmomente bekannter Religionen. Und stellt fest: Was noch 1960 als „gesichertes Wissen“ galt, sei heute bereits überholt. Wir hätten jetzt breitere Informationen. Was werden wir morgen „wissen“? Wo werden Revisionen ansetzen?

Neil MacGregor wählt mit seinen 30 Kapiteln einen anderen Zugang. Er thematisiert unter anderem Feuer, Wasser, aufgehendes Licht, Geburt und Körper, Gebet und Gesang, das Theater des Glaubens, die Macht der Bilder, irdische sowie himmlische Mächte. Als Museumsmann lädt er ein zum Rundgang durch die Wunderkammer der Religionsgeschichte. Der Kurator bringt seine ausgestellten Objekte zum Sprechen. Auch er beginnt vor 40’000 Jahren, mit dem „Löwenmenschen von Ulm“. Er freut sich an epochenüberschreitenden Vergleichen und beobachtet Religiöses selbst im sogenannten modernen Laizismus. Sein Buch, eine schwergewichtige Schau-Schule!

Gehen wir nochmals ins Museum, in der Hand einen umfangreichen Führer. Das Badische Landesmuseum Karlsruhe zeigte 2013 Kulte und Religionen im römischen Reich. Wir tauchen ein in die breit gefächerte Religio Romanorum. Wir erleben machtvolle Göttinnen, Kulte rund um die Magna Mater und Isis. Dieser Hintergrund ist notwendig, um spätere Marien-Kulte zu verstehen. Wir begegnen göttlichen Stierbändigern. Einer davon war Mithras, am 25. Dezember geboren. Die Christen übernahmen u.a. dieses Datum, als sich das Christentum im römischen Reich durchgesetzt hatte. Dafür wurden pagane Kulte als „heidnisch“ verboten. Und wir verfolgen das antike Christentum auf dem Weg zur Weltreligion, indem es persische, ägyptische, römische, jüdische, orientalische Elemente inkulturierte, einverleibte. Warum reden Christ*innen eigentlich immer noch von ihrer monotheistischen Religion?

Den Besuch von Museen, das Lesen von kulturgeschichtlichen Büchern ergänzen Reisen in bekannte und unbekannte Welten. Unterwegs gab und gibt es kulturell Gemeinsames zu entdecken. Und die Bestätigung zweier „moderner“ Weisheiten: Scio me nihil scire. Und: Tempora muntantur, et nos mutamur in illis.

Veröffentlicht unter Allgemein | Schreib einen Kommentar

Humorvolles gegen Hassreden

Humor. Hass. Zwei Begriffe stehen nebeneinander. Gibt es eine Verbindung zwischen den beiden? Nur ein Zufall oder doch mit Hintergedanken? Ich tippe auf Letzteres. In der NZZ vom 28. Januar 2020 finden sich im Feuilleton u.a. zwei Artikel. Der eine mit dem Titel „Nun kann uns nur noch der Humor retten“ von Roman Bucheli. Der andere mit der Überschrift „Hass ist Abkehr von der Welt“, geschrieben von Sarah Pines. Aufschlussreich sind bereits die beiden Untertitel: Bei Roman Bucheli: „Alles Lustvolle ist auf dem Rückzug. Griesgram und Verdrossenheit nehmen zu. Dagegen hilft nur eines. Lachen“. Bei Sarah Pines: „Wer hasst, sieht nur noch sich selber. Und das Gefühl schreibt sich in der Literatur fort, Absatz für Absatz.“

Ein kleiner Exkurs: Was macht das Feuilleton der NZZ aus? Welche Akzente setz(t)en deren Ressortleiter? Am 21. Januar diskutierten René Scheu, der aktuelle Feuilleton-Chef, und sein Vorgänger Martin Meyer bei NZZ live über einige Schwerpunkte ihrer redaktionellen Tätigkeit. In der Zeit von Martin Meyer waren es z.B. 60 Prozent Pflichtstoff und 40 Prozent Kür. Bei René Scheu verhält es sich umgekehrt: 40 Prozent fällt als Pflichtstoff an. Für die Kür hingegen sind 60 Prozent reserviert. Das spüre ich als langjähriger Leser. Ich bin jeden Tag gespannt auf das Feuilleton. Es ist das unberechenbarste Ressort der Zeitung mit oft überraschenden Gedankengängen. Viele Artikel verschlinge ich nicht nur mit Genuss. Ich reisse sie heraus, sammle sie analog thematisch geordnet in dicken Ordnern. Ich speichere sie digital auf meiner Merkliste. Zum Beispiel zwecks Verarbeitung für dieses Blog. Ein Text zu Humor im Feuilleton der Tageszeitung, ein Text zu Hass. Und bei mir die Idee, dieses ungleiche „Paar“ anzuschauen. Als Kür.

Hass ist eigentlich Abkehr von der Welt. Obwohl er öffentlich in die Welt geschleudert wird. Heute in Blogs, in sozialen Netzwerken, auf Strassen, in Leserbriefspalten. Hass kann nicht verniedlicht oder harmlos formuliert werden. Hass wütet.
Hass mit dessen Synonymen wie Zorn, Abscheu, Ekel, Groll oder Aversion ist ein altes Thema der Menschheit. Die Autorin greift in die Literaturgeschichte hinein. Sie zitiert den ersten Satz der „Ilias“ von Homer: „Den Zorn singe, Göttin, des Peleussohns Achilleus.“ Achilles steigert sich im Lauf des Krieges in Hass hinein. Seinen Feind Hektor macht er zum niederen Tier herunter, dessen grausame Tötung er sich erlaubt.
Hass habe mit Liebesentzug zu tun, mit dem Verlust begehrter Objekte, mit narzisstischen Kränkungen, so der Soziologe Georg Simmel. Liebe und Hass ist methodisch gemeinsam, dass sie sich auf ein Gegenüber, auf ein Objekt fixieren, auf das Nicht-loslassen-Können von jemandem oder von etwas. Hass ist jedoch, so Baudelaire, eine unersättliche Gewaltphantasie, ein Fass ohne Boden. In der Literatur schafft Hass Bilder, welche die Phantasie zwar bannen, aber nicht loslassen.
Karl Heinz Bohrer schrieb das Buch „Mit Dolchen sprechen. Der literarische Hass-Effekt“. Er unterscheidet den literarischen Hass vom Hate-Speech im Internet. Der literarische Hass banne die Einbildungskraft mit erhabenen Bildern. Er verachte Mittelmass, Dummheit, das Herausgrölen von Aversionen. Hassreden im Internet dürften wohl nie literarische Kriterien erfüllen – und richten gerade darum konkret echtes Unheil an. Wer hasst, nimmt im anderen das Ich nicht mehr wahr. Er hat nur ein negatives Bild vor sich, das er sich vom anderen macht. Darum finde Hass in Hoffnungslosigkeit statt.

Mit einem Gegenbild beginnt Roman Bucheli seinen Text, mit der Spassgesellschaft. Diese habe ihren Zenit jedoch überschritten. Nun laufe auf Hochtouren eine Gesetzgebungsmaschinerie. Regulierungslücken müssten geschlossen werden, sagen Politiker*innen. Die Liste von Verboten nehme zu im dem Mass, wie die Frustrationstoleranz abnehme. Auch Selbstregulierungen finden statt. Ein Beispiel dafür: missionarisches Engagement für genderneutrale oder gendergerechte Sprache.
Heute verlieren wir uns in einem Wald von Verbotstafeln, schaffen immer mehr ausgeklügeltere Diskriminierungsverbote. Der Autor erinnert an die Zehn Gebote im alten Israel. Damit war einmal alles Wesentliche des Alltags geregelt. In zwei handlichen Gebotstafeln – ein schönes Bild! Statt unzähliger Diskriminierungsverbote ein Satz: „Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.“
Roman Bucheli irritieren nicht die Anliegen, für die man Verständnis aufbringen kann. Ins Grüben bringen ihn Verbissenheit und Humorlosigkeit, mit denen eigentlich gute Anliegen um- und durchgesetzt werden. So kippe die Spassgesellschaft in ihr Gegenteil und werde zur Verbots- und Unlustgesellschaft. Was wird wohl als Nächstes verboten werden? Erleben wir gerade einen Epochenwandel? Bricht ein neues viktorianisches Zeitalter an, in dem ein rigider Moralismus und ein lustloser Dogmatismus sich zum Spiessertum verbünden werden? Gibt es bald nur noch schwarz oder weiss, gut oder schlecht? Und wer bestimmt diese Weltanschauung? Fragen über Fragen.
Eine Antwort auf zunehmend humorlose Zeiten: „Da kann die Devise nur lauten: Mehr Witz, mehr Komik, mehr anarchischer Humor!“
Natürlich könne kein Gesetz, keine unsinnige Verordnung mit Lachen aus der Welt geschaffen werden. Doch Unverstand lasse sich mit Mitteln der Komik lustvoll demontieren. Vorbild dafür seien Briten. Auf die ungewisse Zukunft nach dem Brexit Ende Januar reagieren sie mit ihrem typisch britisch-abgründigen Humor. Bei ihnen lohne sich ein Weiterbildungskurs zum Thema lustvolle Komik.

Wer Humorvolles trainiert, braucht keine Hassreden.

Veröffentlicht unter Allgemein | Schreib einen Kommentar

Erfundene Tradition

Jahresende. Zeit für Rückblicke. Sogenannt wichtige Daten zwischen Januar und Dezember 2019 werden von Medien aufgelistet, im Freundeskreis erwähnt.
Ab 1. Januar 2020 gehören sie zur Geschichte. In der Erinnerung lassen sich Ereignisse, die damals am Tag X für mich, für Sie, für die Schweiz, für die Gesellschaft unvergesslich schienen, aus heutiger Sicht erzählen, ausschmücken, verschönern, sogar „neu erfinden“. Erfinden?

Am 6. Dezember besuchte nicht nur der Samichlaus die Stadt Bern. Am gleichen Tag sprach Hubert Wolf an der Uni Bern mit Blick auf den 8. Dezember 1869 und dessen Folgen über „die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert und die Brisanz von Kirchengeschichte“. Die Neue Zürcher Zeitung publizierte am 6. Dezember einen Artikel von Jan-Heiner Tück, in dem er ebenfalls das 19. Jahrhundert und das Erste Vatikanische Konzil thematisierte. Seit 150 Jahren ist der Papst in Rom „unfehlbar“. Damit entstand eine neue Kirche – und blieb trotzdem „die alte“. Wie passt das zusammen?

Bekannt ist der Begriff „Geschichtsklitterung“. Wir klittern zusammen, was historisch nicht direkt zusammengehört. Auf Französisch kenne ich das Wort „relecture“: ich lese und interpretiere aus heutiger Sicht, aus meiner aktuellen Verfassung, was sich fern abgespielt haben soll. Oder wie es Anaïs Nin prägnant formulierte: „Wir sehen die Dinge, wie wir sind, nicht wie sie sind.“ Historiker*innen könnten noch andere Begriffe anfügen.
Hubert Wolf, Professor für Kirchengeschichte, sprach von einer mir bisher unbekannten Wortschöpfung: „Invention of tradition“. Auf Deutsch: erfundene Tradition. Eric Hobsbawn u.a. führten den Begriff 1983 ein.

Was braucht es, um eine Tradition zu erfinden?

  • als Auslöser dient eine grosse Krise
  • eine Niederlage wird in einen Sieg umgedeutet durch Beschwörung der eigenen Sicht auf die Vergangenheit
  • Traditionsmanager helfen, ein neues Geschichtskonzept zu bilden
  • Traditionen von Gegenspieler werden herabgewürdigt
  • Gruppenevents mit normativer Kraft fördern den Gehorsam der Gruppenmitglieder für die aus ihrer Sicht gerechte Sache
  • Einheitlichkeit schafft Zusammenhang, Abweichung nach Innen wird nicht zugelassen
  • eine neue Kontinuität entsteht, weil man sich auf „ewige“ Traditionen beruft. So wird die Erfindung zum dauerhaften Prozess.

Selbstverständlich lässt sich mit diesen sieben Punkten auch Schweizergeschichte kritisch befragen. Stichworte sind u.a. Rütlischwur 1291, Wilhelm Tell, Morgarten, böse Habsburger, Reformation, 728 Jahre Demokratie und Neutralität, vor dem Gesetz sind alle gleich … Besonders zum Einsatz kommt die Invention of tradition dort, wo sich im 19. Jahrhundert Nationalstaaten sowie ein neuer, kleiner Kirchenstaat bilden oder wo sich neue Identitäten herausschälen (Beispiele: aktuelle Identitätspolitik, die Entwicklung des Christentums aus dem Judentum).

Hubert Wolf beleuchtet mit den sieben Punkten die katholische Kirche im 19. Jahrhundert. Wichtige Faktoren für deren Neuerfindung waren damals:

  • die Französische Revolution führt zu einer grossen Krise, weil sich der Staat in Frankreich in kirchliche Belange einmischt (und Napoleon kerkert Papst Pius VII. vorübergehen in der Engelsburg ein!)
  • ein Einheitskatholizismus wird angestrebt (auf Kosten liberaler Kräfte, die sich in der altkatholischen/christkatholischen Kirche sammeln oder sich still in die innere Emigration zurückziehen)
  • mit dem tridentinischen Faktor aus dem 16. Jahrhundert werden Priesterseminar, Priesterbild und Messe überbetont und somit neu „erfunden“.
  • Traditionsmanager erhöhen den Papst zum absoluten Herrscher, der alle drei Gewalten in seinen Händen hält und vereinheitlichen die römisch-katholische Kirche. Pluriformität gibt es nicht mehr. Die moderne, liberal geprägte Welt wird als antimodern herabgewürdigt (siehe Syllabus errorum von 1864).

Was waren aus Sicht von Hubert Wolf Folgen des 1870 wegen Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges vorzeitig abgebrochenen Vaticanums I für die Kirchengeschichte, für die neu erfundene römisch-katholische Kirche?

    • Nach dem Ersten Vatikanischen Konzil brauche es offiziell keine Historik*innen mehr, Geschichte zeige sich ja nur als „Sumpfgebiet“.
    • Die Niederlage des Kirchenstaates war damals so gross, dass der Fachbereich „Kirchengeschichte“ an den Rand der Universitäten gedrückt wurde. Wenn jemand vom Vatikan wegen anderer Meinung angegriffen und sogar verurteilt wird, sind es Fachleute für Exegese und Ethik.
    • Die Dogmengeschichte gibt bis heute keine hilfreichen Antworten („Die Kirche gibt Antworten auf Fragen, die niemand stellt…“)
    • Heute ist der Begriff „Reform“ in der Krise. Das zeigt sich auch unter Papst Franziskus.
    • Fesseln aus dem 19. Jahrhundert sind im Jahr 2019 und wohl auch im Jahr 2020 schwer zu lösen.

Dabei gäbe es eine alte, gut katholische Alternative: „ecclesia semper reformanda“ (Kirche ist ständig zu erneuern). Unter anderem strebte die Synode 72 der Schweizer Katholik*innen ein Aggiornamento für unsere Breitengrade an. Sie scheiterte am Veto des Vatikans.

Hubert Wolf nannte, Friedrich Schiller zitierend, zwei Typen von Historikern: den Brot-Gelehrten (eine Sklavenseele) und den Wissenschaftler. Wofür sein Herz schlägt, ist klar.

Wissenschaftlich fundierte Kirchengeschichte zu betreiben, würde eigentlich gefährliche Erinnerungen schaffen. Genau aus diesem Grund hat sie keine starke Lobby …

PS 1: Da gleiche Phänomen ist auch zu beobachten bei profanen Geschichtsschreibungen von Brot-Gelehrten in der Schweiz, in China, in der Türkei, in Japan usw. usf.

PS 2: Eine Invention of tradition schaffen auch die Evangelisten Lukas und Mattäus in ihren unterschiedlich komponierten „Weihnachtsgeschichten“ der Geburt Jesu zu Beginn ihrer Evangelien. Wie Mattäus komponierte, lesen Sie unter Tage-Buch vom 6. Januar 2018.

Veröffentlicht unter Allgemein | Schreib einen Kommentar

Heimatboden

Auf unseren letzten zwei Reisen bewegten wir uns ausserhalb der Schweiz. Meine nächste Reise unternehme ich innerhalb. Mit dem Velo radle ich im Frühling 2020 von Bern an den Bodensee. Nach Arbon.
In den vergangenen Monaten besuchten wir u.a. einige Millionenstädte. Arbon zählt knapp 15’000 Einwohner*innen.
Als Tourist*innen schnupperten wir grossstädtische Atmosphäre. Wir befuhren Metronetze im Untergrund und stiegen auf Wolkenkratzer, um andere Wolkenkratzer von oben zu bestaunen.
In der Kleinstadt Arbon am Bodensee bin ich aufgewachsen. Nun liegen meine Eltern dort auf dem Friedhof. Es reizt mich, über Arbon endlich eine Reportage zu schreiben und mit Bildern zu illustrieren. Meine Schwester, meine Brüder sollen mich dabei begleiten. Acht Augen sehen mehr, vier Münder haben mehr zu erzählen. Die Reportage wird von meinem ersten (und letzten) Heimatboden handeln.

Schon vor Jahrzehnten habe ich die Ostschweiz verlassen. Mehr als vierzig Jahre wohne ich im Kanton Bern (spreche jedoch kein Wort „einheimisch“).
Mit Rosmarie reise ich durch Länder, die für mich nie fremde Gebiete waren. So gesehen gibt es weder „Ausland“ noch „Ausländer“. Man könnte mich als Kosmopoliten bezeichnen. Ich füge sofort an: und als Lokalpatrioten. Ich erzähle gern von tollen Erlebnissen auf Kulturreisen. Ich erzähle gern Arboner Geschichten.

Jetzt zweigt mein Text ab. Er führt i. E., ins Emmental. Wie komme ich dorthin?
Im „NZZ am Sonntag Magazin“ 44/2019 vom 3. November findet sich eine lange Reportage von Christoph Zürcher. Er wandert von Burgdorf durchs Emmental auf den Hohgant. Sein Heimatort – und jener all seiner Verwandten – ist Trub. Doch er lebt als Kosmopolit, ist viel unterwegs. Er fühlt sich dort am glücklichsten, wo ein kulturelles Mischmasch herrscht. Nicht vergebens heisst er „Zürcher“. In seiner Reportage macht er sich auf, „meinen Stamm unter meinesgleichen“ zu erkunden. Wird er zum Lokalpatrioten?

Ein Einschub: Ich lebte neun Jahre selber im Emmental (angesichts der lokalen Ewigkeit eine vernachlässigbare Zeitspanne). Meine Sprache outete mich sofort als Ostschweizer. Trotzdem war ich, mit Wohnsitz in Burgdorf, für den Pastoralraum Emmental verantwortlich. Ich schrieb Kolumnen, Reportagen sowie ein Buch zum Emmental mit seiner (katholischen) Geschichte. Emmentaler wollte ich selbstverständlich nicht werden. Immerhin kenne ich einige Eigenschaften und die Topografie vom Wandern, vom Velo und Auto fahren, von der pastoralen Arbeit. Ich kenne Menschen, die im Emmental geboren und solche, die zugezogen sind. Ich durfte i. E. Kinder taufen, Paare trauen. Ich musste Verstorbene beerdigen. In Langnau hatte ich zu tun. In Lützelflüh, Oberburg, Hindelbank, Utzenstorf.

Zurück zum Truber Christoph Zürcher, der in Zürich arbeitet. Er beginnt seine Wanderung in Burgdorf. Geht ins museum franz gertsch – und ist begeistert. Beim Stadtspaziergang trifft er auf Heinrich Pestalozzi (als Tafel) und trinkt Burgdorfer Bier (mehr als eines). Eine gewisse Zwanglosigkeit fällt ihm auf. „Erster Eindruck Emmental: super.“ Er wandert über die Lueg nach Sumiswald, kommt beim Hornussen vorbei. Das beschreibt er mit Assoziationen, die zum Schmunzeln einladen. Bei anderen Textpassagen habe ich laut herausgelacht. Als doppelter Zürcher darf er Beklemmendes, Langweiliges, Zwiespältiges, Ärgerliches notieren. Was ihm von aussen gefällt: das Emmentaler Bauernhaus. Mit dessen „inneren“ Werten kann er jedoch nichts anfangen, zu puritanisch. Und die Gärten! Ordnungswahn! Was macht man mit Niklaus Leuenberger, dem Bauernführer aus dem 17. Jahrhundert? Am Dorfrand von Rüderswil steht ein kleines Denkmal, mit Geranien geschmückt… Mit Bauerleuten, die er unterwegs trifft, spricht er Zürichdeutsch. Sie antworten auf Hochdeutsch. Der Reporter fühlt sich expatriiert.
Er beschreibt eine Buchhandlung mit sehr beschränkter Auswahl, lobt dafür indirekt Amazon. Er besucht das Gotthelf-Museum in Lützelflüh und wundert sich: wo ist Gotthelf? Und liest entsetzt in seiner „Schwarzen Spinne“. Das Werk triefe von Fremdenfeindlichkeit und Misogynie. Allein das Lokale zähle, Weltoffenheit sei schlecht. Immerhin scheine Gotthelf nicht verklemmt gewesen zu sein…
Der Reporter kommt nach Trub, in seinen Heimatort. 1300 Einwohner*innen, 40’000 Heimatberechtigte. Eine Familie Zürcher wird, oh Schreck, nicht auf einer eigenen Tafel gewürdigt. Er fühlt sich gleich etwas heimatloser. Seine letzten Sätze: „Wurzeln werden überschätzt. Kann ja sein, dass sie einem Stabilität und Sicherheit verleihen. Aber freier ist man ohne.“ So ist es.

Ich werde im Frühling 2020 über Arbon schreiben, über die Stadt am Heimatbodensee.

Veröffentlicht unter Allgemein | Schreib einen Kommentar