Morgenröte nach Vollmond – Ostern.1

Den ersten Frühlingsvollmond sehen wir nachts am Sonntag, 13. April, am Himmel. Nach alter Tradition wird am Sonntag darauf Ostern gefeiert, 2025 am 20. April. Ostern ist ein Frühlingsfest, in deutschsprachigen Regionen u.a. das alte Fest der germanischen Frühlingsgöttin Ostara, Göttin der Morgenröte. Der Ostermorgen wird auch in biblischen Texten erwähnt. Am «dritten Tag» kommen Frauen zum Grab Jesu, finden ihn dort aber nicht.

Viel zu meditieren
Die biblische Formel der Auferweckung Jesu fand bereits Eingang ins Glaubensbekenntnis der ersten Christ:innen. Es hat sich bis heute gehalten in Liturgie, Volksreligion und Kunst. Über Deutungen von Ostern jedoch wurde und wird meditiert, diskutiert, ja gestritten. Dies füllt Bibliotheken. Hier nur wenige Beispiele:

  • «Ostern – wir haben keine Gewissheiten, sondern nur die Hoffnung darauf, die Hoffnung nicht zu verlieren.»
  • «Hoffnung ist eine Form von Verblendung der Seele. Zugleich aber auch Quelle einer Kraft, die über den Einzelnen hinauswirkt. Vielen bleibt die Hoffnung, dass es ‘so’ nicht weitergehen wird / darf.»
  • «Das Osterereignis – ein aufrechtstehendes Fragezeichen».
  • «Was Ostern auch hätte sein können», zu diesem Satz notierte der Philosoph Peter Strasser: Die Grundstimmung des Christentums wäre eine ganz andere gewesen und geworden, hätte sich die Ansicht durchgesetzt, dass Jesus kein Leidensmann gewesen sei.

Im Zweiten Testament wie in der Kirchengeschichte gewann in den nachösterlich meditierten Leidensgeschichten Jesu der Leidensmann das stärkste Profil, dies besonders auf der Basis des Ersten Testamentes (siehe (Deutero-)Jesaja, Psalmen 22, 31, 69). Und das Kreuz, ein Folterwerkzeug, wurde zum Symbol des Christentum. Damit bekam als eindrückliches «Gegenzeichen» ein Verlierer grösstes Gewicht. Doch dieser wurde zum Sieger erklärt, eine starke und historische Zeitenwende.

Das Christentum beruhe auf einer «anthropologischen Verlustgeschichte», dem Sündenfall und der darauffolgenden Vertreibung aus dem Paradies im Ersten und der Passionsgeschichte im Zweiten Testament – so lautet eine der Deutungen. Damit es aber nicht beim schwer auszuhaltenden Verlust bleibe, dafür sorge das Versprechen vom künftigen Anbruch des Reiches Gottes. Solche Versprechen, verbunden mit «Ostererfahrungen», spielen später eine sinnstiftende Rolle auch bei säkularisierten Weltbildern, sagen Historiker:innen. In der westlichen Moderne trete das Fortschrittsnarrativ diskurslogisch an die Stelle des christlichen Glaubens.

Eine orientalische Religion
Eine erste Spur der biblischen Bibliothek führt zum griechischen System der Antike. Dieses war ein politisches Gesamtkunstwerk, von aussagekräftigen Mythen zusammengehalten inklusive der Himmelfahrt der griechischen Gottheiten.

Eine zweite Spur der biblischen Bibliothek führt auf die Sinaihalbinsel, nach Kleinasien, nach Mesopotamien, in den Bereich des Fruchtbaren Halbmonds. Dessen alte und grosse Kulturen blieben zwar für Europa unwichtig – nur die kleine randständige hebräische Kultur wirkte sich aus, zusammen mit Jahwe und seinem Kollektiv, dem auserwählten Volk. Dessen Geschichte war voller Dramen und Mythen. Jahwe wurde als politischer und monotheistischer Volks-Gott ein Gegenentwurf zu anderen polytheistischen Gottesvorstellungen, eine Kunst-Figur, eine perfekte Imagination, um eine neue Wirklichkeit in der Antike herzustellen.

Das Christentum ist eine orientalische Religion! Es versammelte Bausteine aus dem
gesamten Vorderen Orient und baute sie zu einer neuen Religion vor allem dort zusammen, wo sich heute die Türkei, Syrien und Israel ausbreiten. Jesus von Nazaret wurde bei seiner Transformation zu Jesus Christus geradezu ein versammelndes Brennglas altorientalischer Narrative. Das unschuldige göttliche Kind (bei Matthäus eine Parallele zu Moses) als Träger religiös-magischer Kraft war ein verbreiteter Topos im Alten Orient und im Hellenismus. Ebenso gängig waren Wunderlegenden um die Geburt grosser Männer. Die Auszeichnung als Gottessohn zirkulierte ohnehin im gesamten Orient bis hinauf zu den römischen Kaisern. Warum aber gelang der Geschichte eines kleinen Landstriches in der Levante der Sprung auf die «Weltbühne» ins Römische Reich?

Sympathien für Verlierer und Opfer
Dank des Zusammenspiels einer dominanten (griechischen) und einer innovativen Kultur (in der hebräischen Diaspora) entstand interkulturelle Power. Alttestamentliche Geschichten wurden wie neutestamentliche griechisch übersetzt oder neu verfasst und damit anschlussfähig an den Mainstream. Der Schmelztiegel der Grossstadt Alexandria in Ägypten erwies sich als neues irdisches «Jerusalem». In der hellenistisch-ägyptischen Übersetzungsmetropole mit seiner Weltwissensbibliothek entwickelte sich ein neuer Typus von Identifikationsfigur, ein Sympathieträger. Und das Judentum reagierte unter dem Druck des Hellenismus mit einer zukunftsträchtigen Variante.

Neue Texte müssen nun Sympathien für den Verlierer, für das Opfer zeigen. Zum Beispiel: «Der Held liebt DICH!» Und: «Alles wird gut!» Und: «Seine Geschichte ist Deine Geschichte.» Dabei spielen Frauen eine wichtige Rolle. Und: «Du sollst keine Angst vor dem Tod haben.» Und: «Der Held ist so unglücklich wie Du.»

Christus (!) zeigt sich zuerst in der schriftlich formulierten Perspektive des Paulus aus Tarsus. Dieser ist Jude, Römer und Christ zugleich. In später überlieferten Evangelien und  in weiteren Schriften kommt Christus auch als Leidensmann, Magier, Charismatiker, endzeitlicher Todesüberwinder, als personifizierte Weisheit daher. Die «Auferweckung von den Toten», die Ostererfahrung, wurde via spätjüdische Apokalyptik zur zentralen Botschaft des Neuen Testaments – eine geniale Erfindung laut Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer. Die Deutung des Todes Jesu als Sühne- und Opfertod zitiert ein in augusteischer Zeit auflebendes altes Motiv aus griechischen Heroensagen. Erst die Symbiose von jüdischer Tradition, orientalischen Narrativen und griechischem Erbe, darunter die griechische Philosophie, erzeugte im Umkreis von Stephanus und Paulus, etwa eine Generation nach Jesus, eine neue religiöse Identifikation. Man nannte die Anhänger:innen des Juden Jesus, genannt Christus, jetzt Christinnen und Christen.

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Ein Verlierer wird zum Sieger erklärt – Ostern.2

Als Theologe befasste ich mich lange mit theologischen Interpretationen von (biblischen) Texten. Dank mancher Reisen in den Nahen Osten und dank literarischer Zugänge zu kulturellen Umfeldern der biblischen Bibliothek wurden mir weitere Verständnishilfen zuteil. Speziell erwähne ich hier den Dichter Vergil mit seinem Werk Aeneis.

Es ist wohl kein Zufall, dass sich um die Zeitenwende in Rom – weit weg von Israel-Palästina – eine nicht ganz unähnliche generationsübergreifende Kooperation zwischen «Vater» und «Sohn» (wie später theologisch mit Gottvater und Gottsohn) anbahnt, mit dem erklärten Ziel, eine neue europäische Weltmacht zu kreieren, das Imperium Romanum. Dessen Protagonist: Aeneas, ein geflüchteter Trojaner.

Der römische Dichter und Epiker Vergil (70-19) schickt sich in der Zeit von Kaiser Augustus (63 v.u.Z. – 14 n.u.Z.) und wohl in dessen Auftrag an, dem Schicksal einiger Trojaner in den Jahren nach der tatsächlichen oder mythischen Katastrophe in Troja nachzugehen. Sein Interesse gilt aber dem neuen Troja – also Rom. Damals war Rom zwar bereits eine Metropole und die Hauptstadt eines Weltreiches. Sie benötigte aber noch eine eigene Gründungslegende. Rom galt als Ableger Griechenlands oder als Nachfolger des alt-etruskischen Königsreichs, folglich konnte es sich nichts Spezielles einbilden.

Vergil – wichtigster Autor der römischen Antike – (er-)fand mit der Aeneis eine Geschichte eines umfassenden Planes: er liess die Römer sich mit der Verliererseite, den Trojanern, identifizieren. Er setzte ein eigenständiges Gebilde gegen Griechenland, gegen die Sieger!

Aeneas, der Protagonist der Aeneis, war immerhin ein Sohn der Aphrodite / Venus und neben Hektor der hervorragendste Kämpfer im trojanischen Heer. Er rettete seinen Vater und floh auf Umwegen in einer Irrfahrt in ein neues Troja, eben nach … Rom. Die Erzählung der Aeneis ist im 8. Jahrhundert angesiedelt, der Erzähler lebt 700 Jahre später im 1. Jahrhundert v.u.Z. So ist alle Zukunft bereits gesicherte Vergangenheit – typisch antike Geschichtsschreibung, wie sie auch in der biblischen Bibliothek praktiziert wurde, eine «invention of tradition», eine Geschichtsmontage. Aeneas wird in einer Heroensage der erste König von «Alba Longa», neben Rom gelegen. Rom bekommt somit eine eigene Geschichte in einer beeindruckenden Traditionslinie – ein narrativer Handstreich! Starke Literatur.

Parallelen zwischen Aeneas und Christus
Es gibt mindestens sieben literarische Parallelen zwischen der «Aeneis» von Vergil und den später verfassten Evangelien, insbesondere in der Darstellung von Aeneas und Christus. Beide Figuren werden als zentrale Protagonisten ihrer jeweiligen Geschichten dargestellt. Sie verkörpern wichtige Themen wie Opfer, Bestimmung und Gründung einer neuen Ordnung. Es ist anzunehmen, dass die (unbekannten) neutestamentlichen Autoren das Werk Vergils kannten.

  • Schicksal und Bestimmung: Sowohl Aeneas als auch Christus werden eine göttliche Bestimmung zugeschrieben. Aeneas wird von den Göttern auserwählt, um das römische Volk zu gründen, während Christus als der göttliche Messias kommt, um die Menschheit zu erlösen.
  • Opfer: Aeneas zeigt oft die Bereitschaft, persönliche Opfer zu bringen, um sein Schicksal zu erfüllen, ähnlich wie Christus, der sein Leben für die Sünden der Menschheit opfert.
  • Führung und Vorbild: Beide Figuren fungieren als Führer. Aeneas führt die Trojaner nach Italien in die Gegend von Rom, während Christus seine Anhänger:innen auf den «Weg des Glaubens» führt – und Paulus, sein grosser Missionar und «der letzte der Apostel», wird ebenfalls in einer Irrfahrt nach Rom gefahren.
  • Wunder und übernatürliche Elemente: In beiden Erzählungen gibt es übernatürliche Eingriffe. Aeneas erhält Unterstützung von Göttern, während Christus Wunder vollbringt und damit göttliche Autorität demonstriert.
  • Themen der Hoffnung und Erlösung: Beide Geschichten thematisieren Hoffnung und die Aussicht auf eine bessere Zukunft. Aeneas’ Reise ist eine Suche nach einer neuen Heimat, während die Evangelien die Hoffnung auf ewiges Leben und Erlösung durch Christus vermitteln.
  • Kaiser Augustus: Jesus wird im Lukas-Evangelium zur Zeit von Kaiser Augustus geboren. Vergil soll im Auftrag von Kaiser Augustus die Aeneis schreiben.
  • Spezieller Ort: in der Aeneis wird Troja zum Ausgangsort für das spätere grosse Imperium Romanum. Für Christen ist Jerusalem ein ganz spezieller heiliger Ort, das gilt auch für Juden und Muslime.

Solche Parallelen zeigen, wie literarische und religiöse Traditionen miteinander verwoben werden und wie sie universelle Themen des menschlichen Erlebens ansprechen. Am Beispiel derAeneis lässt sich erkennen, dass Kunst, Kultur und Politik im alten Rom in enger Verbindung standen. Rom nimmt Elemente der griechischen Kultur an und bemächtigt sich der mythischen, technischen, planerischen Fähigkeiten wie Theater, Arena, Baukunst, Lyrik, Plastik, Malerei usw. Griechische Künstler zogen nach Rom in den neuen Brennpunkt des Reiches – Rom «versank» im Hellenismus, verstand sich dank der Aeneis als Troja.2. Und die katholische Kirche nannte sich nach dem Untergang des weströmischen Kaisertums ab spätem 5. Jahrhundert römisch-katholische Kirche. So behauptete sie sich in Rom.2 als Nachfolgerin eines ehemals grossen und mächtigen Reiches mit österlichem Ursprung in Jerusalem.

Geniessen Sie den Frühlingsvollmond am 13. April sowie schöne Frühlingstage!

 

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Freude und Freundschaft

Dieses Blog liegt einmal mehr quer in der Landschaft. Aktuell – ich schreibe diesen Text am 6. März 2025 – dominieren Themen wie massive militärische Aufrüstung in Europa, riesige Schuldenpakete in Deutschland, langweilige Bundesratswahlen in der Schweiz sowie ein wirrer Aktionismus der US-Administration in Washington. Absagen an bisherige Freundschaften, Unsicherheit, Angst vor grösseren Umwälzungen, Hilflosigkeit trotz vieler Konferenzen – Fragezeichen über Fragezeichen. Trotz sonniger Frühlingsgefühle und spriessender Blumen liegt dichter Nebel über weiten Teilen der Erde.

Eine ökologische Ethik entwickeln
Und ich verweise auf das Buch von Philipp Blom mit dem Titel «Die Unterwerfung. Anfang und Ende der menschlichen Herrschaft über die Natur». Es wurde vor 3 Jahren veröffentlicht. Gehört das Jahr 2022 bereits zu einer anderen Zeit? Vor die oft zitierte Zeitenwende? Nein, so schnell geht es nicht. Philipp Blom schrieb ein Plädoyer für eine ökologische Ethik. Für mich ist es auch heute bedenkenswert – und morgen wohl ebenso. In Teil III, «Kosmos», ermuntert er, auf neue Bausteine des Denkens zu bauen und einige bisherige wegzulassen. Ich fasse sein Plädoyer hier auf 10 Seiten zusammen. Dass die Dimension einer veränderten Kultur im Lärm von «Man müsste jetzt», Machtphantasien, Kriegsängsten und Schuldenwirtschaft wenig zählt, ist mir schon klar. Trotzdem.

Epikur motiviert zu Gelassenheit
Und ich verweise auf einen Philosophen aus einer wirklich anderen Zeitepoche. Er lebte von 341 bis 271/270 vor unserer Zeitrechnung im antiken Griechenland. Sein Name: Epikur von Samos. Er wirkte am Anfang des sogenannt hellenistischen Zeitalters, das von 323 bis 30 dauerte. Leider seien seine meisten Hauptschriften verloren gegangen, heisst es. Man kennt ihn fast nur aus Werken anderer Philosophen, die über ihn diskutierten. Dennoch gibt es Briefe und Hauptlehrsätze aus einer Spruchsammlung.

Epikurs Philosophie will negative Emotionen minimieren, indem Menschen ein Leben in Gelassenheit und Zufriedenheit anstreben. Sie inspiriert zu Lebenskunst. Ruhe und Mässigung sind Faktoren, um in alltäglichen Dingen Glück zu erfahren sowie Schmerz und Angst zu überwinden. Freundschaft bildet einen zentralen Wert in Epikurs Philosophie. Denn starke Beziehungen und gegenseitige Unterstützung führen zu Lebensfreude, sagte er.

Garten versus Grosskonzern
Doch gerade der Grosskonzern katholische Kirche hatte an Epikur gar keine Freude. Er zeigte nämlich keine Angst vor Göttern, denn diese hätten kein Interesse, sich in Angelegenheiten der Menschen einzumischen. Ihre Abwesenheit sei daher ein Aufruf, mit eigenen Mitteln nach Ordnung und Stabilität zu suchen. Zudem machte er sich keine Sorgen um den Tod. Nach dem Tod sei ja alles aus, daher zähle dieser nichts. Das alles lag quer zur offiziellen römisch-katholischen Lehre. Auch ein dritter Punkt gab Anlass zu Reibungen: Gutes sei leicht zu erreichen, meinte der Philosoph. Essen und Trinken seien unerlässlich fürs Überleben und Wohlbefinden des Körpers. Nichts mit Fasten! Nichts mit Jammertal! Natürlich gebe es schmerzhafte Erfahrungen. Doch sie seien meist flüchtig und im Vergleich zum ganzen Leben kurz. Falls Schmerzen vorkommen, soll sich der Mensch auf angenehme Erfahrungen konzentrieren und körperliches Unbehagen durch geistige Freude ausgleichen. Heute heisst dies Resilienz.

Als weder notwendig noch natürlich erachtet Epikur Bedürfnisse und Wünsche nach Macht, Geld und Ruhm. «Man muss sich aus dem Gefängnis der Geschäfte und der Politik befreien», notiert er. Damit liegt sein Gedankengut quer zu manchen Vorstellungen von Glück. Seine Philosophie soll auf Erfahrungen in einer ländlichen Umgebung basieren und damit auf dem engen Kontakt mit der Natur. Kein Zufall ist es, dass seine Schule als «der Garten» bekannt war. In seinem Garten vermischten sich philosophische Diskussionen mit dem Anbau von Pflanzen und Gemüse – und dies in einer Atmosphäre der Freundschaft. Auch ein letzter Gedanke passt zum «Garten»: ein weiser Mensch strebe nicht nach dem Beifall der Massen, sondern lebe verborgen. Tatsächlich ein Blog, das quer in der Landschaft liegt.

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Zeitenwende hoch drei

Ein historischer Tag habe sich am 14. Februar 2025 ereignet: weltpolitisch – gesellschaftlich – persönlich. Persönlich habe ich an diesem Tag ein neues Velo bestellt, ein E-Bike mit Tiefeinstieg. Mein älter werdender Körper schafft es nicht mehr, das rechte Bein beim Auf- und Absteigen locker über den hohen Rahmen meines jetzigen Velos zu schwingen. Zeitenwende – tschüss trainierter Körper! Gesellschaftlich verzichte ich ab dem Valentinstag auf einen Strauss blöder Männersprüche. Zeitenwende – tschüss hirnloses Geplapper! Weltpolitisch gab der amerikanische Vizepräsident James David Vance den Europäern an der Münchner Sicherheitskonferenz den neuen Trump-Tarif durch. Europa – die EU – solle endlich zu sich selber schauen und den inneren Wertezerfall stoppen, sagte die aktuelle US-Regierung. Zeitenwende – tschüss westliche Einheit! Wie werden Historiker:innen in 10 Jahren zurückschauen? Geht der 14. Februar 2025 in Geschichtsbücher ein?

Europa erodiert
Mein Blog vom Januar 2025 erwähnte Freiheit und Säkularität als moderne europäische Werte. Darauf könnten Europäer:innen selbstbewusst setzen. Doch ich war wohl viel zu optimistisch mit diesem Rezept. Es interessiert nur wenige, weil ganz andere Themen in den Vordergrund rückten. Europa dürfte sich wohl in den nächsten Jahren in einen Hort der Unsicherheit verwandeln. Es war einmal … ein Friedenskontinent für eine kurze Zeitspanne ab 1945 dank mancher Illusionen.

EU und Nato haben im europäischen System Risse bekommen. Gesellschaften zeigen Spaltungen. Nationalistische Parteien wirken EU-skeptisch. Russland führt einen hybriden Krieg gegen liberale Demokratien, gegen Freiheit und Säkularität. Das Vertrauen in herkömmliche tragende Institutionen schwindet. Prognosen zu machen, ist unmöglich geworden. Zudem habe ich keine Ahnung, was sich in Indien und in China ereignet, obwohl ich beide Länder je dreimal bereiste und deren Entwicklungen verfolge.

Zwei Tendenzen
Ich beziehe mich im Folgenden auf einen NZZ-Artikel vom bereits erwähnten 14. Februar 2025, verfasst von Georg Häsler und Cian Jochem. Der Text erinnert Schweizer Politiker:innen daran, nicht einer kurzfristigen Budgetlogik zu folgen, sondern Undenkbares zu denken (was für eidgenössische Köpfe nicht gerade Priorität hat). Die Erosion Europas bedrohe nämlich auch die Schweiz.

Rund um die Ostsee sei eine liberale Koalition der Resilienz zu beobachten. Polen, die skandinavischen Länder, die baltischen Staaten und Grossbritannien rüsten auf und wollen gegenüber Russland keine Kompromisse machen. Sie sind wohl bereit, die Ukraine ohne die USA zu unterstützen. Das ist die eine Tendenz. Die zweite Tendenz unterscheidet sich von der ersten. In Mittel- und Südosteuropa scheine sich eine Schaukelpolitik zwischen den eurasischen Autokratien (Russland, China, Iran, Nordkorea) und westlichen Bündnissen durchzusetzen. Ungarn ist EU- und Nato-Mitglied, hat aber beste Beziehungen zu Russland und China. Serbien gibt sich neutral, liefert aber Waffen an die Ukraine. Das Nato-Mitglied Türkei sperrt den Bosporus für russische Kriegsschiffe, macht aber nicht mit bei Sanktionen gegen Russland.

Ausserdem: Drei von vier Nachbarländer der Schweiz sind intern gespalten, Deutschland, Frankreich, Österreich. Nur Italien hat eine stabile (!) Regierung. Was geschieht in der EU und in der Nato, wenn sich in D, F und A ein nationalistischer Kurs durchsetzen würde? Wie könnte Russland nach einem faulen Frieden zwischen der Ukraine und Russland operieren? Und wie entwickelt sich die Rivalität zwischen den USA und China? Fragen über Fragen. Und keine Antworten. Nur vier Szenarien.

Vier Szenarien
Stagnation: Falls die Trump-Regierung Handelskriege durchzieht, könnte sich das Interesse Chinas am EU-Binnenmarkt erhöhen. Dann würde China den Kreml wohl von der Fortsetzung seiner Offensive gegen europäische Demokratien abhalten. Dadurch geriete Europa jedoch in die Abhängigkeit Pekings. Die Idee des Westens verschwände wohl für länger.
Konfrontation: Mit weiteren Sabotageakten in der Ostsee provoziert der Kreml direkte Konflikte zwischen der Nato und Russland. So würden sich Italien, Deutschland und Frankreich gemäss Artikel 5 des Nordatlantikvertrags im Krieg befinden, drei Nachbarländer der Schweiz.
Fragmentierung: Wenn die Sicherheitsordnung in Europa erodiert, fällt auch die Schutzwirkung für die Schweiz weg. Dies könnte zu einer raschen Eskalation führen. Der schlimmste Fall wäre ein Konflikt zwei extremer Regierungen in den Nachbarländern der Schweiz.
Mischform Konfrontation/Fragmentierung: Ein Konflikt Russland – Ostsee-Koalition eskaliert schleichend. Die Schaukelstaaten Ungarn und Österreich blockieren die EU. Möglich würden Manöver mit Russland. Und plötzlich stünden russische Panzer kurz vor der Schweizer Grenze.

Liebe Leserin, lieber Leser, beschäftigt Sie die Erosion des aktuellen Europas als das sich wohl abzeichnende Szenario aus der Analyse? Oder kommt alles ganz anders? Niemand weiss es. Oder kann nicht erodieren, was es gar nie gab, nämlich ein geschlossenes Europa? Was es hingegen auf regekult.ch gibt: einen Text zum Buch von Jürgen Wertheimer, „Europa. Eine Geschichte seiner Kulturen“. Und einen Text zum Buch von Bernhard Braun, „Europa ohne den Orient gibt es nicht. Die Herkunft Europas“. Ich wünsche erkenntnisreiche Lektüren!

PS: Eigentlich wollte ich den Februar-Blog dem griechischen Philosophen Epikur widmen. Er lebte – Achtung! – von 341 bis 271/270 vor unserer Zeitrechnung und thematisierte Lebensfreude. Ich komme darauf zurück.

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