Dem «Echo der Zeit» höre ich seit Jahrzehnten fast jeden Tag im Radio zu, auf SRF 1, SRF 2 Kultur oder SRF 4 News. Meist live, hie und da zeitverschoben via Play SRF App. Ich kenne einige Moderator*innen und Redaktor*innen von Führungen durchs Radiostudio Bern und freue mich, wenn ich deren Stimmen vernehme. Zudem wohne ich in der Nähe des Studios.
In diesen Tagen wirbelt der Entscheid des SRG-Verwaltungsrates ziemlich Staub in Bern auf: das Radiostudio soll teilweise nach Zürich an den Leutschenbach gezügelt werden, auch die Redaktion des «Echo der Zeit». Von Bern nach Zürich!
Unglaublich, entsetzlich, furchtbar – so tönt es in Bern. Der Protest dauert an, der Umzugsentscheid soll politisch rückgängig gemacht werden. Die Zürcher hätten ja keine Ahnung von der Schweiz, lese ich. Pedro Lenz meint sogar, „Zürcher glauben, sie seien der Mittelpunkt.“ (Dabei liegt der Kilometerstein O in Olten, wo Pedro Lenz wohnt und wohin ich zu vielen Sitzungen von Schweizerischen Gremien reiste…)
Wo sehe ich den Mittelpunkt der Schweiz? Mein Bürgerort liegt im Kanton Zürich. Aufgewachsen im und verbunden mit dem Oberthurgau am Bodensee, besuchte ich das Gymnasium in Appenzell und die Uni in Fribourg. Seit 41 Jahren lebe ich im Kanton Bern: in der Stadt Bern, im Seeland, in Köniz, im Emmental und jetzt wieder in der Stadt. Nach einigen Jahren als Hilfsgeistlicher „stieg“ ich auf zum Bernischen Staatsbeamten (ohne ein Wort Berndeutsch zu reden). Mein Lohn kam die ganze Zeit vom Kanton. Einen Mittelpunkt der Schweiz jedoch sehe und brauche ich nicht. Ich schätze die Vielfalt.
In der NZZ am Sonntag vom 23. September 2018 schreibt Michael Furger die Lektion 1 „Bern verstehen für Zürcher“. Er schreibt als Zürcher, der in Zürich arbeitet, aber im Grossraum Bern lebt. Nüchtern betrachtet seien die Klagen darüber, dass man Bern „noch mehr wegnehme“ (Pedro Lenz), ziemlich absurd. Aber das Verhältnis zwischen Bern und Zürich könne man nicht nüchtern betrachten, zumindest in Bern nicht.
Ich hätte da für das Selbstwertgefühl der Berner*innen ein «Echo aus alter Zeit» beizusteuern. Es handelt von Köniz in Bern und von einem Zürcher. Jeder kann es täglich sehen. Besuchen Sie das Berner Münster. Bleiben Sie vor dem Eingangsportal stehen. Betrachten Sie das Jüngste Gericht über dem Portal ganz genau. Was fällt Ihnen auf? Im Himmel oben links finden Sie das Könizer Wappen. Köniz war beim Bau des Berner Münsters reicher als Bern und hat den Bau beträchtlich mitfinanziert. Darum kommen Könizer*innen in den Himmel. (Ich habe 12 Jahre in Köniz gearbeitet. Ob das wohl genügt?)
Und was fällt in der Hölle auf? Wenn Sie genau hinschauen, sehen Sie unten rechts zwei grausige Dämonen. Einer von ihnen beisst einen Mann mit blau-weisser Weste. Gemäss Aussage eines ehemaligen Münsterturmwartes handelt es sich um einen Zürcher. Grund für diese Szene sei der Alte Zürich Krieg (1440 – 1446). Der Krieg habe Bern viel Geld gekostet, sie mussten den Bau des Münsters unterbrechen. Nach dem Krieg sei der ehemalige Feind Zürich in die Hölle des Münsterportals verbannt worden – als Echo der Zeit. So viel aus der Schweizer Geschichte.
Ein Teil des Radiostudios bleibt in Bern. Die Stadtregierung fordert sogar den Aufbau eines Kompetenzzentrums für Information und Politik in Bern. Und der SRG-Direktor verspricht schon, in Bern eine neue Recherche-Redaktion einzurichten.
Es kann sein, dass das «Echo der Zeit» ab 2020 am Leutschenbach produziert wird und nicht mehr an der Aare. Das Münster mit seinem Echo aus alter Zeit thront aber weiterhin hoch über der Flussschlaufe.
In Bezug auf erhellende Informationen und Hintergründe zum Weltgeschehen ist mir wichtig, dass sie mein Ohr und mein Gehirn erreichen. Denn dem «Echo der Zeit» werde ich auch in den kommenden Jahren fast jeden Tag im Radio zuhören, wo immer ich mich gerade aufhalte, wo immer es produziert wird.