Unerwartetes aus Venedig – und aus dem Vatikan

Der Markusplatz in Venedig unter Wasser, Regen und Sturm über der Region. Aufnahmen von Hochwasser gingen Ende Oktober, Anfang November durch die Medien. Ist eine Reise nach Venedig zur Zeit kein Thema?

Bis 25. November gibt es dort auch ganz Anderes zu entdecken. Noch wenige Tage läuft die 16. Architekturbiennale zum Thema „Freespace“. Der Schweizer Pavillon „Svizzera 240: House Tour“ gewann übrigens den Goldenen Löwen, den ersten Preis für den besten Länderbeitrag.

Zum ersten Mal an einer Architekturbiennale vertreten ist der Vatikan. Er hat 10 Architektinnen und Architekten unterschiedlicher Generationen aus vier Kontinenten eingeladen, je eine „Kapelle“ zu bauen. Mitgemacht haben u.a. Norman Forster, Eduardo Souto de Moura, Terunobu Fujimori, Javier Corvalán, Carla Juaçaba und Francesco Cellini. Der Titel „Vaticans Chapels“ löst wohl andere Assoziationen aus, als die tatsächlichen Projekte ausstrahlen. Unerwartetes kommt in den Blick, keine Kopie von bereits Bekanntem. Platziert sind die „Chapels“ auf der Insel von San Giorgio, hinter Andrea Palladios revolutionärem Sakralbau-Meisterwerk San Giorgio Maggiore. Nach der Biennale könnten sie auch woanders aufgestellt werden, am besten im Kon-Text von Wald, Wasser, Himmel.

Nummer 3/2018 der Zeitschrift „kunst und kirche. Magazin für Kritik, Ästhetik und Religion“ berichtet in Wort und Bild von den 10 Versuchen zum Vor- und Nachdenken über moderne sakrale Architektur.

In der gleichen Nummer gibt es ein Gespräch mit Kardinal Gianfranco Ravasi. Der Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur macht darin (für Aussenstehende) unerwartete Anmerkungen. Er verneint, dass es je eine christliche Gesellschaft im wahrsten Sinn des Wortes gegeben habe. So könne man auch nicht von einem „christlichen Abendland“ sprechen. Prägungen gebe es, Inkulturation, die Zivilisationen mitformen. Er erwähnt positiv das Konzept des Individuums, die Freiheit des Subjektes und den Säkularismus – und kritisiert „einige Versuche der Kirche (manchmal abwegig, manchmal leider gewalttätig), einen Glauben und eine religiöse Kultur durch Herrschaft und Zwang durchzusetzen“. Und er warnt vor jenen Gruppen und Strömungen, die behaupten, die ausschliesslichen Hüter der christlichen Identität zu sein. Tradition als tradere (übermitteln, überliefern) verstanden, bedeute nämlich ständige Erneuerung.

Auf die Frage, ob zeitgenössische Kunstinterventionen der Kirche (wie auf der Architekturbiennale) als neues „aggiornamento“ (= aktualisieren, „zum heutigen Tag hinzufügen“) zu verstehen seien, antwortet der Kardinal mit zwei Amerkungen.
Ein öffentlicher Kulturraum, eine Kirche sei Ausdruck und Ergebnis von Gemeinschaften. Zwischen Gemeinden und Kunstschaffenden / Architekt*innen benötige es daher Vermittler*innen, „die es vermögen, den Kultraum als Erfahrung des gegenseitigen Zuhörens und der Bildung zu realisieren“.
Zudem sei es, falls eine neue Kirche oder ein Sakralraum gebaut wird, für die Bedeutung und Würde, welche die Kirchen haben müssen, angemessen, „dass im Prozess der Planung eines heiligen Gebäudes alle Bewohner*innen eines Viertels einbezogen werden, damit die Präsenz einer Kirche nicht nur für die Anwesenden, sondern auch für diejenigen, die sie als fremdes Zeichen im Stadtgefüge sehen, Identifikation anbietet“.
Das sind klare Aussagen von Kardinal Ravasi, unerwartet für die einen, eine Bestätigung für andere. Bei letzteren denke ich an die Schweizerische Lukasgesellschaft für Kunst und Kirche. Sie engagiert sich für zeitgenössische Kunstinterventionen.

Der erstmalige Beitrag des Vatikans an der Architekturbiennale Venedig im Jahr 2018 inspiriert zu weiteren unerwarteten „kleinen Formaten“ in heutiger Zeit.
Und er erinnert mich an besuchte und sehenswerte Kapellen von Mario Botta im Tessin sowie von Peter Zumthor in Graubünden und Deutschland.

PS: Im Internet lässt sich die 16. Architekturbiennale mit zahlreichen Bildern der Länderbeiträge „begehen“. Oder Sie fahren selber in die Lagunenstadt und gehen zwischendurch trockenen Fusses über die Piazza San Marco.

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