Zwiegespräch mit der Schönheit

Die NZZ publizierte in ihrer Ausgabe vom 29. Juni 2019 ein langes Interview mit dem Architekten Peter Zumthor. Darin denkt dieser über seine aktuelle Arbeit am Los Angeles County Museum of Art (Lacma) nach. Es soll 2023 zu seinem 80. Geburtstag fertiggestellt und 2024 eingeweiht werden. Einige Bauten des Architekten habe ich besucht und in ausserordentlicher Erinnerung:
– die Kapelle Sogn Benedetg in Sumvitg – aus Lärchenholz errichtet;
– die Feldkapelle Bruder Klaus in Wachendorf in der Eifel – aus Stampfbeton;
– die Therme Vals – aus Valser Gneis;
– das Kunsthaus Bregenz – aus Glas;
– das Kolumba-Kunstmuseum für das Erzbistum in Köln – aus Backstein errichtet.
Bald wird sein Erweiterungsprojekt für die Fondation Beyeler in Riehen realisiert werden, ein Haus für Kunst.

Peter Zumthor legt auch poetisch-philosophisch geprägte Gedanken zu seiner Architektur vor. In der Burgdorfer Wochenzeitung „D’Region“ vom 21. September 2010 habe ich ein paar für die Rubrik „Das Wort der Woche“ zusammengefasst. Sie stammen aus seinem Buch „Atmosphären. Architektonische Umgebungen. Die Dinge um mich herum“ (2006). Es sind zeitlose Reflexionen. Sie machen Lust, in den Sommermonaten architektonische Bijous zu entdecken.

RAUMERLEBNIS
Liebe Leserin, lieber Leser, wie sieht Ihr schönster Raum aus? Welcher Ort tut Ihnen gut?Beim Architekten Peter Zumthor habe ich Aussagen gefunden, deren Zusammenspiel einen Raum zum Erlebnis macht, Raum zum Leben schafft.

  • Der Körper der Architektur muss stimmen. Wenn Sie einen Raum betreten, macht es klick – oder eben nicht. Wenn der Raum stimmt, dann berührt er Sie körperlich.
  • Der Zusammenklang der Materialien ist wichtig. Die richtigen Materialien reagieren miteinander, lassen strahlen. Etwas Wertvolles entsteht.
  • Jeder Raum funktioniert wie ein grosses Instrument. Er sammelt Klänge, verstärkt sie, leitet sie weiter. An Geräusche erinnern wir uns lange. Darum sind Räume der Stille wichtig.
  • Die Temperatur eines Raumes ist nicht zu unterschätzen. Ein kalter Raum, ein warmer Raum – dazwischen liegen himmelweite Unterschiede im Atmosphärischen.
  • Die Dinge um uns, das, was da ist an Menschen, an Bewegung, an Farben, an Düften, an Landschaften, an Kunst – das und viel mehr prägt das Raumerlebnis mit.
  • Gute Architektur ist Raumkunst und Zeitkunst. Ein guter Raum gibt Orientierung, lässt mich so, wie ich bin – und schafft zudem neue Sichtweisen, verwandelt mich.
  • Architektur stellt einen neuen Raum hin, wo vorher vielleicht eine Wiese war oder ein anderes Gebäude stand. Dank der neuen Hülle gibt es ein Innen und ein Aussen. Drinnen bin ich ein anderer als draussen – wirklich ver-rückt.
  • Wenn Sie einen Raum betreten, fällt Ihnen sofort das Licht auf. Es ist eine Kunst, Dinge oder Gefühle, Menschen oder Handlungen richtig ins Licht zu setzen.
  • Bei gelungenen Gebäuden gibt es Stufen der Intimität. Wenn die Massstäbe darin stimmen, ermöglichen sie Nähe oder Weite. Sie können diese Stichworte mit Ihren Erfahrungen, mit Ihren Raumerlebnissen vergleichen und füllen. Wenn Sie sich an ein intensives Raumerlebnis erinnern, dann fällt Ihnen auch ein, wie es nebenan ausgesehen hat. Denn ein Raum ist immer Zwischen-Raum: es gibt rechts und links, vorne und hinten, oben und unten.
  • Und ein letzter Gedanke. Warum werden spezielle Räume als wohl tuende Kraftorte erlebt? Weil ihre schöne Gestalt ein Geheimnis ausstrahlt!

Einen schönen Raum mit Ausstrahlung geniesse ich. Es sind Kraftorte, zu denen ich gerne hingehe. Ein altes Kloster auf dem Land. Eine moderne Kirche in der Stadt. Ein Museum oder ein Konzertraum. Oder eine kleine Bergkapelle.
Ich wünsche Ihnen Raumerlebnisse, die Sie aufstellen und ein Stück Himmel durchscheinen lassen.

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