Auf unseren letzten zwei Reisen bewegten wir uns ausserhalb der Schweiz. Meine nächste Reise unternehme ich innerhalb. Mit dem Velo radle ich im Frühling 2020 von Bern an den Bodensee. Nach Arbon.
In den vergangenen Monaten besuchten wir u.a. einige Millionenstädte. Arbon zählt knapp 15’000 Einwohner*innen.
Als Tourist*innen schnupperten wir grossstädtische Atmosphäre. Wir befuhren Metronetze im Untergrund und stiegen auf Wolkenkratzer, um andere Wolkenkratzer von oben zu bestaunen.
In der Kleinstadt Arbon am Bodensee bin ich aufgewachsen. Nun liegen meine Eltern dort auf dem Friedhof. Es reizt mich, über Arbon endlich eine Reportage zu schreiben und mit Bildern zu illustrieren. Meine Schwester, meine Brüder sollen mich dabei begleiten. Acht Augen sehen mehr, vier Münder haben mehr zu erzählen. Die Reportage wird von meinem ersten (und letzten) Heimatboden handeln.
Schon vor Jahrzehnten habe ich die Ostschweiz verlassen. Mehr als vierzig Jahre wohne ich im Kanton Bern (spreche jedoch kein Wort „einheimisch“).
Mit Rosmarie reise ich durch Länder, die für mich nie fremde Gebiete waren. So gesehen gibt es weder „Ausland“ noch „Ausländer“. Man könnte mich als Kosmopoliten bezeichnen. Ich füge sofort an: und als Lokalpatrioten. Ich erzähle gern von tollen Erlebnissen auf Kulturreisen. Ich erzähle gern Arboner Geschichten.
Jetzt zweigt mein Text ab. Er führt i. E., ins Emmental. Wie komme ich dorthin?
Im „NZZ am Sonntag Magazin“ 44/2019 vom 3. November findet sich eine lange Reportage von Christoph Zürcher. Er wandert von Burgdorf durchs Emmental auf den Hohgant. Sein Heimatort – und jener all seiner Verwandten – ist Trub. Doch er lebt als Kosmopolit, ist viel unterwegs. Er fühlt sich dort am glücklichsten, wo ein kulturelles Mischmasch herrscht. Nicht vergebens heisst er „Zürcher“. In seiner Reportage macht er sich auf, „meinen Stamm unter meinesgleichen“ zu erkunden. Wird er zum Lokalpatrioten?
Ein Einschub: Ich lebte neun Jahre selber im Emmental (angesichts der lokalen Ewigkeit eine vernachlässigbare Zeitspanne). Meine Sprache outete mich sofort als Ostschweizer. Trotzdem war ich, mit Wohnsitz in Burgdorf, für den Pastoralraum Emmental verantwortlich. Ich schrieb Kolumnen, Reportagen sowie ein Buch zum Emmental mit seiner (katholischen) Geschichte. Emmentaler wollte ich selbstverständlich nicht werden. Immerhin kenne ich einige Eigenschaften und die Topografie vom Wandern, vom Velo und Auto fahren, von der pastoralen Arbeit. Ich kenne Menschen, die im Emmental geboren und solche, die zugezogen sind. Ich durfte i. E. Kinder taufen, Paare trauen. Ich musste Verstorbene beerdigen. In Langnau hatte ich zu tun. In Lützelflüh, Oberburg, Hindelbank, Utzenstorf.
Zurück zum Truber Christoph Zürcher, der in Zürich arbeitet. Er beginnt seine Wanderung in Burgdorf. Geht ins museum franz gertsch – und ist begeistert. Beim Stadtspaziergang trifft er auf Heinrich Pestalozzi (als Tafel) und trinkt Burgdorfer Bier (mehr als eines). Eine gewisse Zwanglosigkeit fällt ihm auf. „Erster Eindruck Emmental: super.“ Er wandert über die Lueg nach Sumiswald, kommt beim Hornussen vorbei. Das beschreibt er mit Assoziationen, die zum Schmunzeln einladen. Bei anderen Textpassagen habe ich laut herausgelacht. Als doppelter Zürcher darf er Beklemmendes, Langweiliges, Zwiespältiges, Ärgerliches notieren. Was ihm von aussen gefällt: das Emmentaler Bauernhaus. Mit dessen „inneren“ Werten kann er jedoch nichts anfangen, zu puritanisch. Und die Gärten! Ordnungswahn! Was macht man mit Niklaus Leuenberger, dem Bauernführer aus dem 17. Jahrhundert? Am Dorfrand von Rüderswil steht ein kleines Denkmal, mit Geranien geschmückt… Mit Bauerleuten, die er unterwegs trifft, spricht er Zürichdeutsch. Sie antworten auf Hochdeutsch. Der Reporter fühlt sich expatriiert.
Er beschreibt eine Buchhandlung mit sehr beschränkter Auswahl, lobt dafür indirekt Amazon. Er besucht das Gotthelf-Museum in Lützelflüh und wundert sich: wo ist Gotthelf? Und liest entsetzt in seiner „Schwarzen Spinne“. Das Werk triefe von Fremdenfeindlichkeit und Misogynie. Allein das Lokale zähle, Weltoffenheit sei schlecht. Immerhin scheine Gotthelf nicht verklemmt gewesen zu sein…
Der Reporter kommt nach Trub, in seinen Heimatort. 1300 Einwohner*innen, 40’000 Heimatberechtigte. Eine Familie Zürcher wird, oh Schreck, nicht auf einer eigenen Tafel gewürdigt. Er fühlt sich gleich etwas heimatloser. Seine letzten Sätze: „Wurzeln werden überschätzt. Kann ja sein, dass sie einem Stabilität und Sicherheit verleihen. Aber freier ist man ohne.“ So ist es.
Ich werde im Frühling 2020 über Arbon schreiben, über die Stadt am Heimatbodensee.