Ein Glas Wasser

Etwas Wasser trinken. Beim Stundenhalt am Waldrand auf einer Velotour. Beim Wandern auf einer Alp am Brunnen. Erfrischung pur. Ein Schluck Wasser. Eine Banane. Eine tolle Rundsicht auf Berggipfel. Sommerferien-Stimmung. Und nachts neben der SAC-Hütte in den übervollen Sternenhimmel schauen. Bei Leermond nach dem roten Planeten, dem Mars, Ausschau halten. Sich bewusst sein, dass es zwischen Sternen und Planeten weitere Phänomene gibt, unter anderem Braune Zwerge. Unsere jüngste Tochter ist Expertin in dieser „Sache“, die erst seit gut 50 Jahren bekannt ist. Nach einer Suche von 30 Jahren wurde der erste Vertreter 1995 entdeckt, unterdessen kennt man rund 2000 Braune Zwerge. Sie sind lichtschwach und klein, darum schwer zu beobachten. In der Milchstrasse soll es jedoch so viele dieser Himmelskörper geben wie Planeten. Braune Zwerge haben bisherige Definitionen von Stern / Planet ins Wanken gebracht. Was wissen wir schon? Fast nichts. Da staunt der Laie. Und kommt ins Philosophieren.

Heute, zum Ferienbeginn in Zürich, lese ich im Magazin (der Zeitung „Der Bund“ beigelegt) und in der NZZ zwei Texte über das Thema Weltall.

Die NZZ bringt eine Doppelseite zu Mars-Expeditionen. 2020 stehen Erde und roter Planet in einem günstigen Winkel zueinander. Marsflüge werden mit relativ wenig Aufwand möglich. Am 14. Juli starten die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Mission, am 23. Juli folgen China und am 30. Juli die USA. Der Eintritt in den Marsorbit ist auf Februar 2021 terminiert. Das chinesische Projekt nennt sich „Tianwen 1“, übersetzt „Fragen an den Himmel“. Die wohl wichtigste Frage lautet: Gibt es auf dem Mars unter der staubtrockenen Oberfläche nach wie vor flüssiges Wasser? Die zweite Frage: Gibt es Spuren vergangenen Lebens? Was wissen wir schon? Fast nichts. Bodenproben vom Mars möchten die Raumfahrtexpeditionen zur Analyse zurückbringen. (Die Europäer werden wegen aktueller technischer Probleme erst in 26 Monaten starten, wenn die Erde-Mars-Konstellation wieder gleich ist wie 2020.)

Im heutigen Magazin findet sich ein längeres Gespräch mit der Astronomin Jill Tarter über das Universum. Sie spricht von zwei Entdeckungen, welche die Forschung in neuester Zeit veränderten: einerseits Exoplaneten, also Planeten rund um Sterne in anderen Sonnensystemen, anderseits Extremophile, das heisst: Lebewesen, die unter extremen Verhältnissen existieren. Sie schliesst daraus, dass bei uns auf der Erde „nichts wirklich Aussergewöhnliches passiert ist. … Heute sind unendlich viele Arten von Leben im All denkbar.“ Ob unsere Spezies singulär oder eine unter vielen ist, wissen wir nicht, sagt die Astrophysikerin. Unsere Galaxie, die Milchstrasse, umfasse 100 Milliarden Sonnensysteme – und das Universum etwa 100 Milliarden Galaxien. Der Blick ins All zeige, so Jill Tarter, „dass es schrecklich gross ist“. Die einzige Analogie, welche die Forscherin fand, um diesen gigantischen Raum für Menschen begreiflich zu machen, waren alle Ozeane der Erde. „Wie viel davon haben wir untersucht? Das Ergebnis: in 50 Jahren die Menge, die in ein Glas Wasser passt. … Das Universum ist verdammt gigantisch.“ Wir kennen vom Weltall ein Glas Wasser im Verhältnis zu allen Ozeanen. Was wissen wir schon? Fast nichts.

Was mich an (Astro)Physiker:innen fasziniert, ist ihre pragmatische Bescheidenheit. Jill Tarter, 76-jährig, bringt einen zweiten Vergleich. Die Frage, ob intelligentes Leben im All existiert, setzt sie gleich mit der Frage, ob es im Meer Fische gibt. „Wenn ich vom Meer nur einen halben Liter kenne, kann ich lange darüber streiten, ob irgendwo Fische schwimmen oder nicht.“ Wer weiss es? Die Weltraum-Forscherin hört nicht auf, zu lernen und zu forschen. Es werde von kommenden Generationen noch wundervolle Entdeckungen geben. Doch wenn sie das Weltgeschehen beobachte, stelle sie fest, dass uns Menschen die Reife fehle, um in langfristigen Dimensionen zu denken. Damit zeigt sie, dass sie mit beiden Füssen auf dem Erdboden steht.

Mit beiden Füssen auf dem Boden zu stehen, dazu zwingt uns weltweit die Corona-Pandemie. Vom Virus wissen wir …. fast nichts. Ein sehr kleines Virus kommt sehr gross daher, sehr mysteriös, furchterregend, folgenschwer.
Ich meide Umarmungen. Ich gehe Menschenansammlungen aus dem Weg. Ich ziehe im ÖV eine Gesichtsmaske an.
In den Bergen staune ich nachts über die Schönheit des Sternenhimmels – und trinke ein Glas Wasser.
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