Für Franz von Assisi war es eine normale Anrede. Im 13. Jahrhundert sprach er in Rom Papst Innozenz III. mit „Herr Papst“ an. Der aktuelle Papst wählte nach seiner Wahl am 13. März 2013 den Namen des berühmten Mannes aus Assisi: Franziskus. Nomen est omen. Würde ich, wenn ich den zur Zeit bald 86-jährigen irgendwo treffen sollte – es ist wohl nicht wahrscheinlich – die Nerven haben, ihn mit „Herr Papst“ zu begrüssen? Immerhin war ich ‚mal in der Franziskanischen Bewegung engagiert, das wäre ein Motiv. Zudem werden eine Stufe tiefer Bischöfe wie Kardinäle heutzutage bei uns ganz normal und zeitgemäss als Herr Bischof, Herr Kardinal angesprochen. Wenigen kann ich Du sagen, da wir uns aus jungen Jahren kennen. Mit Jorge Mario Bergoglio aus Argentinien hingegen hatte ich nie etwas zu tun. Wie würden Sie den Papst ansprechen? Sind Sie ihm schon einmal begegnet?
Gegenwärtig liefert Papst Franziskus wieder einmal Schlagzeilen in den Medien. In der Gerüchteküche wird spekuliert und fantasiert. Was wird er in den nächsten Wochen unternehmen? Was genau macht er am 28. August 2022? Drei Ks und eine traditionelle Feier heizen Spekulationen an. Wird Franziskus, der Römer aus Südamerika, nächstens zurücktreten? Gibt es bald zwei Päpste im Ruhestand? Fragen über Fragen. Oder ist es nur heisse Luft, die mit der heissen Luft draussen konkurriert? Die drei Ks betreffen drei unterschiedliche Gründe für einen allfälligen Rückzug in die Pension (wobei sein Alter kein Thema ist).
- K 1 kreist um sein rechtes Knie. Es schmerzt stark, er braucht, um mobil zu bleiben, oft einen Rollstuhl. Eine Operation scheut er, vor allem die nötige Narkose macht dem alten Herrn Bauchweh.
- K 2 findet am 27. August statt. An jenem Tag gibt es im Vatikan das achte Konsistorium seiner Amtszeit. Es sei, sagen Vaticanisti, ein unübliches Datum für eine solche Versammlung. Im Konsistorium werden neue Kardinäle feierlich in ihr Amt eingesetzt, 21 Personen aus aller Welt werden sich freuen. 16 von ihnen sind jünger als 80 Jahre, sie sind berechtigt, bei einer nächsten Papstwahl aktiv zu wählen. Nach dem Konsistorium im August zählt das Kardinalskollegium 229 Namen, 132 könnten wählen. Sie repräsentieren eine globalisiertere Weltkirche. Noch fehlen im Gremium Frauen (das könnte ein mutiger Papst ändern – siehe K 3).
- K 3 bezieht sich auf die neue Kurienverfassung. Sie trat an Pfingsten, am 5. Juni 2022, in Kraft. Ihr lateinischer Titel „Praedicate Evangelium“ (Verkündet das Evangelium!). Nach dem Konsistorium sind alle Kardinäle in den Vatikan eingeladen, um sich über Auswirkungen der Verfassung informieren zu lassen. Die Kurie, die Kirchenleitung, erhält eine seit langem erwartete Reform. Die Dikasterien, die Ressorts, werden neu gegliedert. Auch Frauen können nun – endlich – offiziell Leitungsfunktionen übernehmen. Die Kirchenverwaltung wird moderner und effizienter. Professionalität und Fachkenntnisse bekommen mehr Gewicht. Das führt zu neuen Machtbalancen zwischen Zentrale und Ortskirchen. Die Folgen sind nicht absehbar.
- Am 28. August fährt Franziskus nach L’Aquila. Als erster Papst seit Menschengedenken (!) nimmt er an der „Festa della Perdonanza“ teil, an der „Coelestinischen Vergebungsfeier“. Eingeführt wurde diese Feier im Jahr 1294 von Papst Coelestin V. Der frühere Eremit (Einsiedler) war nur ein paar Monate als Papst tätig und ist in der Basilika in L’Aquila begraben. Coelestin V. war bis 2013 der einzige Papst, der freiwillig zurücktrat.
Rechtes Knie – Konsistorium – Informationen zur neuen Kurienverfassung – Besuch in L’Aquila: geben diese vier Stichworte tatsächlich Anlass für Spekulationen? Oder gehören sie zur heissen Luft, die Teile der Welt regelmässig überzieht?
Am 17. Juli 2022 starte ich in Konstanz zu Teil II der Wanderung um den Bodensee. In Konstanz fand von 1414 bis 1418 das erste Konzil der katholischen Kirche jenseits der Alpen statt. Damals, beim sogenannten Abendländischen Schisma, reklamierten drei Päpste gleichzeitig, Oberhaupt der Christenheit zu sein: Papst Gregor XII. in Rom, Papst Benedikt XIII. in Avignon und Papst Johannes XXIII. in Bologna/Pisa. Eine Kirchenspaltung stand kurz bevor. Was unternahm das Konzil in Konstanz? Unter dem Einfluss des luxemburgischen Königs Sigismund / Sigmund (1368 – 1437) setzte es die drei Päpste ab. Und wählte mit Papst Martin V. einen neuen, der von allen anerkannt wurde. Eine verrückte Zeit am Bodensee!
Falls nach Papst Benedikt XVI. auch Papst Franziskus zurücktreten und ein neuer Papst im Vatikan gewählt würde, gäbe es heutzutage immerhin nicht 3 Päpste, die um Einfluss streiten würden. Ein Vorsitzender genügt, zwei ehemalige (emeritierte) könnten ihre Pension geniessen. So käme die römisch-katholische Kirche noch ein Stück näher an die moderne Zeit heran. Herr Papst, was machen Sie?