Familienstrukturen, Eheverständnisse, Formen des Zusammenlebens haben sich in den letzten Jahrzehnten in der Schweiz stark verändert. Die römisch-katholische Kirche hat darauf zum Glück schon lange keinen Einfluss mehr. Wann das begonnen hat, lässt sich – wie jede Entwicklung – nicht präzis bestimmen. Manche weisen auf erste grundlegende Veränderungen in den 1960er Jahren hin. Geboren 1952, bin ich mit ständigen gesellschaftlichen Reformen gross geworden und habe sie aktiv unterstützt. Meine Grossväter und Grossmütter würden mich wohl aus ihrer Sicht nicht verstehen. Für sie wäre ich seltsam, sonderbar, eben weird (siehe den Juni-Blog). Meine Generation löste sich von einer Kultur, die auf dem Zusammenspiel von Verwandtschaft, Tradition, Nation und Kirche basierte.
Der Evolutions-Psychologe Joseph Henrich geht in seiner Analyse weiter zurück. Er sieht die Kirche in Westeuropa ab dem späten 4. Jahrhundert als Treiber kleiner und schwacher Kernfamilien und damit als „Zerstörerin“ von Clanstrukturen. Jene Kirche propagierte auf Befehl der römischen Kaiser eine Kultur des „Mono“: Monotheismus (Eingottglaube) – eine Kirche – eine Taufe – ein Papst – ein Kaiser (vom Papst gekrönt) usw. – ausserhalb der Kirche kein Heil. Die Kirche förderte eine Spiritualität der Kirche (ecclesia) als Braut Christi. Weil der Bräutigam (Christus) aber starb, blieb die Braut als immer klagende und büssende Witwe zurück (so der Historiker Bernhard Jussen). Folgen: Trauer als Lebensform, Monogamie, Enthaltsamkeit, Sexualität als Sünde. Daraus habe sich mit Hilfe der Klöster das Ideal des ehelosen Lebens als Massenphänomen entwickelt.
An dieser Stelle müsste man statt zu pauschalisieren konkrete Zahlen ab dem 6. Jahrhundert kennen: wer konnte, wer durfte überhaupt heiraten? Wer hatte keine Chance auf eine Heirat? Wer lebte bewusst ehelos? Wer wurde unfreiwillig ins Kloster gesteckt? Und nicht zu vergessen: die Lebenserwartung war damals um ein Vielfaches tiefer als heute. Dazu erschwerten Kriege, Raubzüge, Epidemien, Krankheiten, Hungersnöte, Klimaschwankungen, Naturkatastrophen, Kindersterblichkeit einen unbeschwerten Alltag.
Europäer machten Krieg, und der Krieg machte sie sonderbarer
Nach dem Zusammenbruch des Karolingerreiches im 10. Jahrhundert wütete in Europa 1000 Jahre lang bis 1945 und wiederum ab den 1990er Jahren ein Krieg nach dem andern. Sehr viele Kriege, sehr viel Leid. Pausenlos entstanden daneben notbedingt sowie in wirtschaftlicher Logik neue Institutionen. Prosoziales Verhalten aus Empathie war wichtig, freiwillige Handlungen, die anderen helfen. Zwischen den aufkommenden Städten ab dem 11./12. Jahrhundert wurde Wettbewerb wichtig, einige wurden reicher als andere. Joseph Henrich zeigt auf, dass gerade Klöster wie die Zisterzienser:innen einen der Motoren für wirtschaftlichen Fortschritt bildeten. Die Zusammenarbeit von Verwandtschaftssystemen, Pfarreien, Klöstern und neuen Städten stellte mit der Zeit Zivilgesellschaften her (für Bernhard Jussen ein neuer Schlüsselbegriff). Europa nutzte in dieser Beziehung eine privilegierte Situation, um gegenüber anderen Regionen sonderbar zu werden. Und mit Kriegszügen konnte eine Stadt erst noch reicher und grösser werden! Dies wiederum ermöglichte mehr Handel, mehr Gewinn, mehr Waffenkauf. (Was der US-amerikanische Autor Henrich leider nicht erwähnt: Sklavenhandel, Kolonialismus, Rassismus, Genozid, Ausbeutung von Rohstoffen anderer Kontinente – diese dunkle Seite der Geschichte trug entscheidend zum Reichtum Europas bei.)
Die sonderbarste Religion
Eine Bemerkung zur Religion, konkret zum Protestantismus: im 16. Jahrhundert deckten sich laut Joseph Henrich reformierte Formen in der Religion mit der damaligen sonderbaren Psychologie: Individualismus, Unabhängigkeit, Autorität „von unten“. Das habe die Reformation beschleunigt. Die römisch-katholische Kirche hingegen habe auf einem patriarchalischen römischen Familienmodell beharrt, in dem Autorität von oben kommt. Der Papst als „Heiliger Vater“. Was der Autor aber nicht sieht: auch nach der Reformation zählte auf beiden Seiten „cuius regio eius religio“ (wer regiert, bestimmt die Religion). Das galt ebenso in freien Städten. In der Eidgenossenschaft entschieden Regierungen der alten Orte ebenfalls über die zu geltende Mono-Religion. Im Kanton Bern, zum Beispiel, hatten katholische Menschen keine Chancen mehr, „man“ musste auf Befehl reformiert sein oder wegziehen. Erst nach der Gründung des neuen Bundesstaates (1848) begannen sich in der Schweiz starre Fronten langsam, langsam zu lösen.
Das kollektive Gehirn
Als zentral für Entwicklungen in Europa beurteilt Joseph Henrich auch dessen kollektives Gehirn. Dieses sei ein psychologisches Gebräu aus Individualismus, analytischer Orientierung, Positivsummendenken und unpersönlicher Prosozialität. Es habe seit Jahrhunderten vor sich her geköchelt. Auf dem Global Innovation Index 2022 stehen darum nicht zufällig sieben europäische Länder unter den innovativsten zehn der Welt, die Schweiz an erster Stelle vor den USA und Schweden. „Wir“ sind tatsächlich sonderbare Leute.
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