Bilder schaffen Welten

Atemraubende Bilder schicken Weltraumteleskope wie James-Webb, Euclid, Tess und Cheops zur Erde. Nie zuvor, so heisst es, hätte ein Teleskop so scharfe astronomische Farbbilder über einen so grossen Bereich des Himmels erstellt wie Euclid. Damit will die Europäische Weltraumorganisation ESA die bisher umfangreichste 3D-Karte des Universums anfertigen und gleichzeitig die Entwicklung innerhalb der letzten 10 Milliarden Jahre erforschen. Die Euclid-Sonde, im Juli 2023 gestartet, könne Himmelsbereiche beobachten, die mehr als hundertmal grösser seien als das, was die Infrarotkamera des James-Webb-Teleskops leiste. Ein Ziel sei es, die unbekannte Natur der Dunklen Materie und der Dunklen Energie etwas zu erhellen. Mit rund 95 Prozent machen die beiden „Dunklen“ den Hauptbestandteil des Universums aus. Wir haben ja keine Ahnung …

Tess und Cheops haben jüngst ein aussergewöhnliches Planetensystem entdeckt. Es besteht aus sechs Mini-Neptunen ähnlicher Masse, die den sonnenähnlichen Stern HD110067 umkreisen. Dieses System funktioniere ganz anders als unser Sonnensystem. Unser System besteht aus 8 Planeten mit sehr unterschiedlichen Massen, darunter gebe es keinen Mini-Neptun. Stern HD110067 ist ungefähr 100 Lichtjahre von uns entfernt und leuchtet fast so hell wie unsere Sonne. Sein Planentensystem, das sei speziell, sehe heute noch fast genauso aus wie kurz nach seiner Entstehung vor 1 Milliarde Jahre. James-Webb wird sich ebenfalls mit HD110067 beschäftigen. Die Astronomen erhoffen sich neue Erkenntnisse aus dem Weltraum. Mit atemraubenden Bildern müssten wohl bald neue Weltbilder geschaffen werden. Wir haben ja keine Ahnung auf dem Planeten Erde … Cheops ist übrigens eine gemeinsame Mission der ESA und der Schweiz unter der Leitung der Universität Bern.

Zurück auf dem Boden der Erde
An der Universität Bern verbrachte ich am 24. November 2023 den ganzen Tag. Ich nahm an einer Tagung der Theologischen Fakultät teil. Aus Anlass des Abschieds von Kunsthistoriker, Dozent und Professor Johannes Stückelberger – mit ihm habe ich jahrelang in der Lukasgesellschaft für Kunst und Kirche zusammengearbeitet – befasste sich die Veranstaltung in 10 Referaten mit Kirchenbildern. Konkret ging es um Perspektiven auf die Kirche und auf Kirche(n) im Bild. Alle Referent:innen nahmen ein selbstgewähltes Bild zum Ausgangspunkt ihrer Reflexionen. Mit diesen Bildern, die ich an dieser Stelle aus Platzgründen weder aufzählen noch abbilden kann, wurden und werden ebenfalls überraschende „Welten“ geschaffen. Ich greife drei Beispiele heraus.

Rothko Chapel in Houston/Texas (1971)
Der Maler Marc Rothko schuf für einen achteckigen fensterlosen Raum 14 Bilder. Sie schenken Durchsicht. Seine Kunst bestimmt den Raum. Dunkelheit wird „durchatmet“. Die „Kapelle“ ist sowohl open space wie auch safe space, eine Art Arche. Spannend ist, dass der jüdische Künstler auf dem Terrain einer katholischen Universität wirken konnte. Er hatte Bedenken, dass seine Kunst „falsch“ gelesen würde, denn er verstand sein Werk weder als Ausstellung noch als Kreuzweg. Die Bilder haben darum keine Titel. Er braucht sie als „Eingänge“, die aus der Distanz von 45 cm zu betrachten seien. Wer sie meditiert, macht sich eigene Gedanken.

Kloster Voronet mit Georgs-Kirche in Rumänien (1547)
Die Südfassade der Kirche wurde 1547 bemalt, das Kloster 1488 errichtet. Die Anlage steht im Kreis Suceava in der Bukowina und gilt als „Sixtinische Kapelle des Ostens“. In jener Region sind einige Kirchen auch aussen bemalt und gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe. Orthodoxe Theologie wird im Bild detailliert umgesetzt. Die Südfassade zeigt den Stammbaum Jesse (siehe Jesaja 11) als Lebensbaum. Die vertikale Hauptlinie von Jesse unten bis zu Maria und Christus oben symbolisiert die „Weltseele“. Der ganze Baum zeigt die kosmische Ausdehnung des Glaubens und der Kirche. So werde der Leib der Kirche zum Medium des Lichtes – und Christus sei das Licht der Welt. Die Malerei steht im Dienst eines geschlossenen Systems. Für westliche Augen wirkt es fremd.

Von der Kirche zum Veloparkplatz zur Bücherwohnung (2006)
In den Niederlanden werden seit einiger Zeit leer stehende Kirchen umgenutzt für dies und jenes. Als Beispiel zeigte eine Professorin die ehemalige Dominikanerkirche aus dem 13. Jahrhundert in Maastricht, die kurz als Veloparkplatz benutzt wurde. Die Frage dahinter: Kann eine Kirchenkrise zu einer neuen Chance werden? Velos stehen für Beweglichkeit, und in Holland wird viel Velo gefahren. Fahrräder brauchen geschützte Räume, geschützt vor Dieben, geschützt vor Regen. Umnutzungen oder Umwidmungen von ehemaligen Sakralräumen haben dort eine lange Geschichte. Das werde oft vergessen. Die Umnutzung der „Velokirche“ ging jedoch weiter. Seit 2006 befinden sich im ehemaligen Kirchenraum eine Bibliothek mit Kaffee und ein Buchladen. Man nennt den neuen Raum Bücherwohnung. Sie umfasst drei Stockwerke. Fast könnte man von einer „Kathedrale des Buches“ reden. Den „Wettkampf“ Velo (es fährt) gegen Buch (es bleibt) gewann – das Buch. Bald werden dort auch Bildbände mit atemraubenden Fotos der Weltraumteleskope aufliegen.

Bilder schaffen Welten.

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