Hören und mischen

Kopfhörer mit „Noise Cancelling“ lassen laute Geräuschkulissen verstummen, praktisch für Leute, welche klassische Musik geniessen. Ich höre gerne Geräusche, Nebentöne, Vogelgezwitscher. Kopfhörer ohne NC lassen mir „die Welt“ ans Ohr.

Eine Szene aus einer früheren beruflichen Tätigkeit ist mir vor Augen. Ich sitze an Sonntagabenden am Mischpult im Studio des Bieler Lokalradios Canal3 und stelle meine Sendung zusammen. Mit Kopfhörer, ein wichtiges Utensil. Via Mischpult kommen meine Interviewgäste, mein Moderationstext, meine Musikauswahl, der Jingle des Radios und der Jingle meiner Sendung sowie hie und da spezielle Geräusche auf einem grossen Band zusammen. (Damals ging es im Studio noch analog zu und her.) Das Tonband wird drei Tage später im Radiostudio abgespult.

Hören und mischen habe ich im übertragenen Sinn für das Herstellen eines neuen Textes verwendet: Mit Kopfhörer am Mischpult „Welt“. Essay in sieben Bildern. Hier sind 17 Seiten zu lesen. Kopfhörer brauchen Sie dafür nicht, höchstens eine Brille.

Im Lauf der Tage, Wochen und Monate sammle ich in meinem Büro Material, das ich vielleicht für ein zu schreibendes Buch oder für kürzere Texte verwende. Input vor Output. Es handelt sich um Zeitungsartikel, Reisenotizen, Abschnitte aus Büchern und Zeitschriften, um Kenntnisse aus Philosophie und Psychologie. Es sind soziologische, kulturelle, religionswissenschaftliche, politische Beobachtungen. Das Material vergleiche ich mit farbigen Fäden, die in einer Weberei zu Teppichen gewoben werden. So sehe ich mich als Weber, der Textteppiche herstellt.

Hören und mischen, das gefällt mir. Ich bin gern in meiner Textteppich-Manufaktur, in meiner Werkstatt. Handarbeit und Kopfarbeit verbinden sich.

Sieben Bilder
Die Textweberei bildet das erste Bild meines neuen Essays. Das zweite Bild kommt in Ihrem Alltag vor, liebe Leserin, lieber Leser. Ich ziehe einen Bogen von der Zeitung auf Papier zur Zeitung auf dem Smartphone bis zu maschinellen Lerntechnologien, die als KI bezeichnet werden. Als regekult-Konsument:innen benutzen Sie wohl eine Vielfalt von Medien.

Mein drittes Bild umfasst fünf Seiten. Dessen Überschrift: Es rumort. Jetzt hat der Kopfhörer ohne NC eine wichtige Funktion: hinhören, was sich zur Zeit entwickelt an der Oberfläche wie im Untergrund unserer Gesellschaften. Es rumort. Das ist zwar nichts Neues, doch das Rumoren verstärkt sich möglicherweise gerade in manchen Bereichen. Ich zähle im Essay einige auf. Ob es nächstens auch bei uns zu grösseren Eruptionen kommt? Ungewissheiten wachsen. Eine mögliche Reaktion: den Kopf in den Sand stecken und abwarten. Oder Kopfhörer aufsetzen und genau hinhören. Unbequemes aushalten, politisch handeln.

Mein viertes Bild stellt Tausendfüsser* vor. Sie inspirieren mich. Sie gehen, spielen, tanzen auf dem Boden der Erde. Selbst wenn einmal ein Fuss stolpert oder straucheln sollte – andere Füsse halten das Gleichgewicht des Wesens, es kann nicht fallen. Miteinander bauen Tausendfüsser* Welt. Als Tausendfüsser* grüsse ich meine 999 Mittausendfüsser*!

Das fünfte Bild lädt ein, Kulturlandschaften zu erwandern, als Tausendfüsser* unterwegs zu sein und unterwegs zu bleiben. Und dabei nicht zu vergessen, zu welchem Milieu ich gehöre – und zu welchen Milieus andere zu zählen sind, die anders denken und anders fühlen wie ich.

Das sechste Bild wirft einen Blick hinaus in den Weltraum. Das machen für uns Teleskope wie James Webb, Euclid, Tess, Cheops und bald einmal die Weltraum-Antenne LISA. Sie bringen neue Bilder in unsere Köpfe. Ob diese neuen Bilder auch zu neuen Überzeugungen und Denkmodellen in unseren Köpfen führen werden? Das Fragezeichen steht. Ob unser Gehirn mitmacht bei der Suche nach Antworten? Es ist bekanntlich „eine faule Sau“… Und von „Vernunft“ zu reden, sei illusorisch, sagen Hirnforscher:innen.

Das siebte Bild kommt auf das Mischpult zurück. Am Mischpult „Welt“, so (m)eine mögliche These, wäre es vorteilhaft, im Plural zu leben. Eine lebbare Möglichkeit?

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