Mit Worten zu spielen gefällt mir, dafür ist Sprache da. Ebenfalls jongliere ich gerne mit Jahreszahlen. Dazu gibt es Geschichte(n). Wobei Jahreszahlen oft selber Teil eines Spiels sind. Heute nehme ich Sie, liebe Leserin und lieber Leser, mit auf Spuren zufälliger Jahreszahlen. Ich stelle Dinge nebeneinander, die miteinander nichts (?) zu tun haben. Das Privileg eines Bloggers.
Die erste Spur führt ins 4. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Im Neolithikum, in der Jungsteinzeit, existierte von 3384 bis 3370 eine Dorfsiedlung am Bodensee, die heute mit dem pittoresken Städtchen Arbon verbunden wird, meinem Geburtsort. Archäologische Ausgrabungen zwischen 1993 und 1995 legten 30 Häuser einer wohl viel grösseren Siedlung frei, die heute Bleiche 3 genannt wird. Damals lag die Uferlinie des Sees ca. 800 m weiter landeinwärts als heute. Funde erzählen von Ernährungsgewohnheiten und lassen auf eine Art Fernhandel schliessen. 3370 fiel die Siedlung einer Brandkatastrophe zum Opfer. Sie gibt Zeugnis vom Übergang von der Pfyner Kultur zur Horgener Kultur. Die Ufersiedlung lag verkehrsgünstig zwischen Rhein und Donau. Sie steht unter dem Schutz des UNESCO-Weltkulturerbes mehrerer prähistorischer Pfahlbauten. Heute liegen die Fundschichten von Sediment überdeckt unter Parkplatz und Gebäuden, gut geschützt im feuchten Untergrund.
Die zweite Spur zeigt auf Sumerer. Im südlichen mesopotamischen Schwemmland von Euphrat und Tigris findet man das erste bisher bekannte Gedicht. Sie benutzten ab 3200 eine (Keil-) Schrift, um längere Texte aufzuzeichnen. Erste Poetinnen sollen zwei Frauen gewesen sein: eine sumerische Hohepriesterin namens Enheduanna (um 2300) und eine Hofsängerin namens Illum…iya.
Ab 2900 entstand das berühmte Gilgamesh-Epos. Erhalten sind 3 Fassungen aus 3 Epochen: 2900, 2400 und 1800.Das Epos ist nicht vollständig überliefert, es fehlen etwa 20 Prozent des Textes, sagen Fachleute. (Zitat: „Der Mensch ist eine Eintagsfliege, die im Wasser treibt.“) Mehr als 2000 Jahre lang prägte das Epos den Nahen Osten als Kulturraum. Die staatliche Infrastruktur im assyrischen Reich und die Tempel mit Agrarbetrieben machten Schreiben notwendig. Die Elite lernte anhand des Epos Lesen und Schreiben, erwarb Herrschaftswissen. Die Verfasser verfügten über einen Wortschatz von rund 5’000 Worten. Der Mittelmeerraum bildete den gemeinsamen Nährboden für diverse Kulturen. Homer zum Beispiel, ein historisch nicht fassbarerer Autor, habe einen Keilschrifttext des mesopotamischen Gilgamesh-Epos für seine Ilias (730 / 720) und für seine Odyssee verwendet. Es verkörperte damals die Idee von Literatur. Homer benutzte zudem hethitische Texte. Und ganze Passagen des Epos überschneiden sich mit semitischen Sequenzen aus dem Alten Testament der biblischen Bibliothek, vor allem aus der Genesis.
Die dritte Spur bleibt bei der Genesis, dem ersten Buch in der biblischen Bibliothek. Ich nehme die Kapitel 7 und 8 zur Hand. Sie thematisieren die grosse Flut. Und als die Flut zurückging, „setzte die Arche im Gebirge Ararat auf“ (Genesis 8,4). Die Kapitel 1 bis 11 gelten der Urgeschichte. Warum aber landet die Arche Noah am Berg Ararat? Und warum soll Noah in der wieder trockenen Ararat-Ebene die erste Weinrebe, ein Symbol für Kultur, gepflanzt haben? Die unbekannten biblischen Autoren / Redaktoren liessen die neue Epoche der Menschheit wohl nicht zufällig hier starten. Denn, das zeigen neue Forschungen, nördlich des Berges Ararat liegt der Ursprung der indoeuropäischen Sprachen. Rund 400 moderne Sprachen, auch Schweizerdeutsch und Deutsch, haben eine gemeinsame Wurzel, sie lassen sich auf das Protoindoeuropäisch zurückführen. Die germanischen Sprachen bilden einen von 10 bis 12 Hauptzweigen der Sprachfamilie des Indoeuropäischen. Die ersten Menschen, die Indoeuropäisch sprachen, hätten vor rund 8100 Jahren südlich des Kaukasus gelebt. Ihr Lebensraum umfasste das heutige Armenien, den nördlichen Iran und die Nordosttürkei. Nördlich des Ararat fanden Archäolog:innen zudem Überreste der neolithischen Siedlung Aknashen, die rund 8000 Jahre alt ist Die Menschen dort waren sesshaft, betrieben Landwirtschaft und bauten runde Gebäude aus Lehmziegeln.
Die vierte Spur führt nochmals zu Erkenntnissen aus der Archäologie. Sie differenzieren bisheriges Wissen, sind ein Gegengewicht zu späteren „Erfindungen“ von Geschichte. Nicht in Mesopotamien ab ca. 3800 v.u.Z. – wie ich es im Studium der Theologie und später aus Fachliteratur als selbstverständlich erfuhr – seien erste Städte wie Uruk entstanden, sondern schon etwas früher um 4100 in der Kupferzeit. Sie liegen in der osteuropäischen Waldsteppe, am nördlichen Rand der Pontischen Steppe auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Das berichtete die NZZ am 15. Juni 2024 auf zwei Seiten. Ein kritischer Hinweis darin: Fachleute können aus gleichem Material einander entgegengesetzte Narrative über die Geschichte entwickeln. Eigentlich nichts Neues. Doch immer wieder von neuem überraschend, weil gängige Klischees stark wirken. Viele Fragen sind offen. Und Spuren bleiben – Spuren.