Anmerkung zum 19. Jahrhundert

Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie als regekult-Leser:in ein moderner Mensch sind und im 21. Jahrhundert leben? Sie haben die Fähigkeit, moderne Technologien wie Computer, Smartphones und Internet zu nutzen. Sie denken kritisch, indem sie Informationen analysieren, bewerten und fundiert entscheiden. Andere Kulturen schätzen sie. Sie können sich an Veränderungen und neue Situationen anpassen. Umweltfragen und grössere Zusammenhänge interessieren sie. Sie versuchen, nachhaltige Lebensweisen zu praktizieren. Auf Gefühle und Perspektiven anderer gehen sie empathisch ein. Dank Ihres Bildungsstandes haben Sie Lust, lebenslang zu lernen. Kriterien Ihrer Weltanschauung haben sich darum im Lauf der Zeit modifiziert, während ihre emotionale Basis unverändert positiv blieb.

Jetzt kommt der Hammer: als moderner Mensch kommen Sie sich oft unverstanden und einsam vor. Wo sind die früher Gleichgesinnten geblieben? Warum verlaufen viele Gespräche banal, unergiebig, streitsüchtig? Ihnen fallen vermehrt negative und abgelöschte Äusserungen auf. Sie staunen, wie laut andere Meinungen und andere Lebensstile heruntergemacht werden. Wohin ist ein gemeinsamer gesellschaftlicher Nenner, ein common sense, verschwunden? Befinden sich manche immer noch mitten in heftigen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts?

Figur des 19. Jahrhunderts
Heute ist der 20. Januar 2025. In Zeitungen lese ich in diesen Tagen solche Titel:
„Die Gefahr eines Weltkrieges ist ganz real.“ – „Der Westen weiss nicht mehr, wer er ist.“ – „Das ist das Ende der Weltordnung, wie wir sie kennen.“ – „Die Zeit der Monster“ – „Trump entfesselt sich und seine Fans in Europa.“ – „‘Great Awokening‘ war die grosse Illusion der Demokraten“. Manche Titel und Artikel haben mit aktuellen und historischen Verhältnissen in den USA zu tun. Auch ich schaue über den Atlantik, weil ich Nordamerika mehrmals bereiste, das letzte Mal im Oktober 2024.

Mich interessiert, was hinter reisserischen Titeln steckt. Aufschlussreich scheint mir ein kurzes Portrait von Donald Trump zu sein, der zwar heute in sein Amt als US-Präsident eingesetzt, aber als Figur des 19. Jahrhunderts charakterisiert wird. Er bewundert u.a. William McKinley, von 1897 bis 1901 US-Präsident. Dieser war ein Befürworter von Zöllen. Er besiegte den progressiven William Jennings Bryan. Er erweiterte das amerikanische Imperium, führte Krieg gegen Spanien, übernahm die Kontrolle über Puerto Rico, Guam, die Philippinen und annektierte Hawaii. Zudem will Trump den höchsten Berg der USA, den Denali, wieder in Mt. McKinley umbenennen. Das ist MAGA bis in die Bergspitzen! Donald Trump schätzt das amerikanische Modell im späten 19. Jahrhundert. So spricht er von einem neuen (alten) „goldenen Zeitalter“, das mit ihm wieder anbreche. Ein Symbol dafür sind im Auto verrückten Amerika tiefe Benzinpreise. Damit und mit der Verachtung der Demokraten gewann der Republikaner eine knappe Mehrheit bei den US-Wahlen 2024.

Laut Beobachter:innen liebt Donald Trump geschäftliche Deals, Macht, sich selbst und Golf, dies aber alles zu seinem Vorteil. Er verkörpert einen vom Fernsehen und von seinem Vater geprägten Schauspieler. Politik, Demokratie, Allianzen, Europa, Kultur interessieren ihn nicht. Er sehe die Welt als Dschungel und sich als Gorilla, als Monster, heisst es. Da stört es ihn nicht, ein verurteilter Straftäter zu sein. Im Dschungel zeigt sich die Welt verwirrend, unberechenbar, verletzlich, weil nur der Stärkere überlebt. Wie soll ein solches Bild die nächste Zukunft lebenswert gestalten? Eine rhetorische Frage.

Was macht Europa?
Fragezeichen bestimmen die aktuelle Tagesordnung. So meine Wahrnehmung. Andere machen wahrscheinlich Sätze mit Ausrufezeichen, ich kann das nicht. Wie verhält sich die europäische Wirtschaft, falls von Seiten der USA neue Zollschranken installiert werden? Kann die kleine Schweiz ein gutes Freihandelsabkommen aushandeln? Wo müssten West- und Ostmitteleuropa Pflöcke setzen, die typisch europäisch wären? Weiss der Westen überhaupt noch, was ihn prägte und immer noch prägen könnte? Gibt es „den“ Westen und mit ihm Europa überhaupt? Ich habe meine Zweifel und Fragezeichen.

Freiheit. Säkularität
Freiheit ist ein Begriff, der über Jahrhunderte entwickelt wurde und wird. Freiheit ist verbunden mit Liberalität (Gewaltenteilung) und Demokratie. Sie ist verbunden mit Säkularität als weiterem Begriff. Säkularität beinhaltet die Gleichberechtigung von konfessionell gebunden und konfessionslosen Menschen. Pluralismus und Religionsfreiheit sind heute in unseren Breitengraden zentrale moderne Werte, die zum common sense gehören. Sie sind nicht vom Himmel gefallen. Gerade im 19. und 20. Jahrhundert wurde um sie in Westeuropa gerungen, teils gegen heftige Widerstände und mit tragischen Ereignissen und Folgen. Ist das 19. Jahrhundert nun überwunden? Teile der römisch-katholischen Kirche verneinen dies. Und mit ihr weltweit wohl viele andere Bewegungen. Darum fühlen sich moderne Menschen oft unverstanden und allein.

Modernen Europäer:innen würde es trotzdem gut anstehen, wenn sie zu Freiheit und Säkularität Sorge tragen würden. Hier versammeln sich Humanistisches, Römisches, Griechisches, Christliches mit verschiedenen Traditionen unter dem Begriff der Freiheit. Westeuropa hat und hätte seine Stärke im ständigen Ringen um kulturelle Identität in einer offenen Gesellschaft. Diese Stärke darf es ruhig nach innen und aussen zeigen. Im 21. Jahrhundert.

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Zeitgefühl Nostalgie. Und Innovationen

Erfunden wurde der Begriff Nostalgie am Ende des 17. Jahrhunderts in Basel. Es ging um das Heimweh von Schweizer Söldnern, um eine „pathologische“ Sehnsucht nach dem Ort ihrer Herkunft. Bald wandelte sich der Begriff. Dann stand er für ein schwärmerisches Zurückschauen auf vergangene, idealisierte Zeiten. Der Historiker Valentin Groebner nennt Nostalgie einen „Alleskleber“. Heute treibt Nostalgie neue Blüten um Verklärung und Verzerrung der Vergangenheit, privat wie gesellschaftlich. Für den Soziologen Zygmunt Baumann bildet im Buch „Retropia“ das „Zeitalter der Nostalgie“ die letzte wirksame politische Utopie. Und die SINUS-Studie 2024 formulierte für die Schweiz ein neues Milieu, jenes der Nostalgisch-Bürgerlichen (mit 12 Prozent). Sie seien die ordnungs- und sicherheitsorientierte Mitte, mit ausgesprochener Sehnsucht nach „früher“. Kleine Schnittmengen weise dieses Milieu auf mit Konservativ-Arrivierten, mit Traditionellen, mit der Konsumorientierten Basis und mit der Adaptiv-Pragmatischen Mitte. In der NZZ nennt Marc Tribelhorn zwei Beispiele ausserhalb der Schweiz: in Deutschland die Verharmlosung des Freiluftgefängnisses DDR durch die AfD, die in Wahlen immer mehr Zustimmung findet. Und in den USA Donald Trumps Make America Great Again-Bewegung mit Unterstützung von Bibeltreuen sowie „horny bros“ (geile Kumpel), die ihren lautstarken Anführer gerade zum Präsidenten des Landes wählte. Nostalgie ist aktuell hoch im Kurs. Donald Trump will ab dem 20. Januar 2025 manche(s) wegfegen, ausmisten, das Rad der Zeit zurückdrehen. Es dürfte ihm nur punktuell und vorläufig gelingen. Gutes Leben ereignet sich bekanntlich dank der Ko-Existenz der Widersprüche.

Gegenwart mache müde
Grund für das Phänomen der Nostalgie sei das Hadern mit einer als unübersichtlich und bedrohlich wahrgenommen Gegenwart. Die in den Medien beschriebene Polykrise führe zu Weltmüdigkeit. Sie wird von Populisten mit Schlagworten erfolgreich genutzt. Andreas Reckwitz, noch ein Soziologe, schrieb das Buch zur Stunde: „Verlust: Ein Grundproblem der Moderne“. Er zeichnet darin nach, wie sich im Westen die Zukunft von einer Verheissung zu einer düsteren Vorahnung gewandelt hat. „Wir alle werden enttäuscht worden sein“, sagt er ungewohnt im Futur zwei. Die bürgerliche Fortschrittsidee sei ins Stottern geraten. Was nun? Resilienz stärken? Auf die Sprache achten, meine ich! Negative oder positive Formulierungen schaffen Welt mit. Darum erinnere ich daran, dass es parallel zum Zeitgefühl Nostalgie eine Kraft gibt, die in Medien und Alltagsgesprächen leider nur hie und da zum Zug kommt, die Kraft von Innovationen. Diese Parallelität ist ein  Beispiel für Gleichzeitiges in Ungleichzeitigem.

Innovationen jeden Tag
Im Ranking der innovativsten Länder der Welt steht die Schweiz seit Jahren an erster Stelle vor Schweden und den USA. Dank zahlreicher Innovationen geht es unserem Land gut bis sehr gut. Ich formuliere hier ein grosses Kompliment an Forscher:innen, Wissenschaftler:innen und an weitere experimentierfreudige Leute! In langen Denk- und Arbeitsprozessen erfinden sie Neues. Manchmal aus Zufall, oft über Umwege, meist in Teamarbeit. Innovative Produkte beginnen klein. Die Gesellschaft wird erst dann davon Gewinn ziehen, wenn aus kleinen Ideen ein grosses Geschäft geworden sein wird (Futur zwei). Forscher:innen und Erfinder:innen verzweifeln nicht, geben nicht auf. Das beobachte ich ebenfalls bei Enkelkindern. Für sie gehören Innovationen zum täglichen Brot. Sie werden Dinge denken, die ich niemals dachte. Sie werden Dinge realisieren, von denen ich heute keine Ahnung habe. Ihre Lebensfreude kommt ohne Nostalgie aus. „Schwierige Zeiten“ sind für sie zum Glück ein Fremdwort.

Das Kalenderblatt zeigt Dezember, den letzten Monat des Jahres. Bald brauche ich die neue Agenda 2025. Ob das neue Jahr Neues bringen wird? Für mich? Für Leser:innen von regekult.ch? Für „die Welt“? In Syrien, im Iran? In Afrika? Hoffnung lebt. Viel Neues bringen wird 2025 für unsere Enkel:innen – und damit auch für deren Freund:innen in Kindergarten und Schulzimmer. Dort übt bereits die künftige Welt!

Liebe Leserinnen und liebe Leser, geniessen Sie die letzten kurzen Tage und langen Nächte des Jahres! Geben Sie an Weihnachten nostalgischen Gefühlen ruhig etwas Platz sowie strahlenden Kinderaugen viel Raum – und freuen Sie sich auf 2025 mit Innovationen und Überraschungen. Sie werden Ihnen einfach so zufallen!

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Offene Tür im November

Meine Werkstatt macht einen überstellten Eindruck. Material liegt kreuz und quer herum, dazu die Werkzeugkästen zu Religion, Gesellschaft & Kultur. Der überstellte Eindruck macht kein Alleinstellungsmerkmal aus. „Ich habe viel zu tun“, höre ich von Leuten, denen ich begegne. Eine typische Zeiterscheinung? Hätten wir nicht viel zu tun, würde wohl etwas bei uns nicht stimmen, reden wir Performer:innen und/oder progressive Realist:innen uns ein. Oder bluffen wir nur mit einer vollen Agenda? Damit wir nicht als faul, bequem, langweilig, ideenlos, uninteressiert dastehen …

Und jetzt dies: Ein Blick in meine aktuelle Agenda zeigt, dass in Woche 48 vom 25. November bis 1. Dezember 2024 kein einziger auswärtiger Termin ansteht. Werde ich in Woche 48 nichts anderes zu tun haben, ausser jeden Morgen Kaffee zu machen, Zeitung zu lesen und am Abend Geschirr abzuwaschen? Kein Projekt. Keine Sitzung. Keine Sozialzeit. Nicht einmal ein Arztbesuch. Nichts. Im Dezember sieht es im Kalender ebenfalls sehr ruhig aus – ein stiller Advent wartet auf mich. Davon träumen gestresste Leute. Ich bin ein Glückspilz! Bin ich ein Glückspilz?

Um zu „beweisen“, dass ich in diesen hektischen Zeiten wie alle (?) viel zu tun habe, schreibe ich einen Text für regekult.ch, betitelt mit Offene Tür. Wer durch diese Tür hineingeht, soll eine mit Material und speziellen Werkzeugen überstellte Werkstatt betreten. Hier schafft, so die wortlose Aussage, ein kreativer Typ vor sich hin. Ein Handwerker. Ein Wortkünstler. Etwas Bluff muss sein.

Ich bin mir des Widerspruchs bewusst. Als pensionierter Mensch, als emeritierter Gemeindeleiter, als ehemaliger Redaktor und Journalist, als vierfacher Grossvater habe ich eigentlich fast nichts mehr tun und noch weniger zu sagen. Life is not about me. Die Welt dreht sich nicht um mich. Für regekult.ch zu arbeiten, gilt deshalb aus der Perspektive eines alten weissen Mannes als immaterielles Vergnügen, als Luxus pur. Ich suche vagabundierend Buchstaben und webe an Texten, weil es mir gefällt. Punkt. Aktuelle Projekte, zu denen in meiner Werkstatt Material herumliegt, nenne ich aus Anlass der Offenen Tür. Ja, ich habe viel zu tun. Wäre Nichtstun (m)ein Leben? Eben.

Auf dem Tisch liegt Material für …

• eine Reportage zu Japan. In den Jahren 2024, 2016 und 2010 bereiste ich das Land zusammen mit Rosmarie. (Sie war öfters dort.) Japan fotografierte sie ausgiebig. Und ich sammle Infos zu einer Region, über die bei uns zuhause gesprochen wird. Eine unserer Töchter lebte dort, und sie fliegt regelmässig in den Fernen Osten. Eine japanische Austauschstudentin lernte bei uns in Köniz Deutsch. Noch heute haben wir Kontakt mit ihr, nun lebt sie in den USA.

• eine Reportage zu den USA. Am 1. November kamen Rosmarie und ich von einer 24-tägigen Reise durch den Nordwesten und die Westküste der USA zurück. Unsere ältere Tochter hat die Reise geplant und mich als Driver sicher quer durchs Land geführt. Sie lebte als Austauschstudentin 1 Jahr in Kalifornien. Dort haben wir ihre Austauschfamilie getroffen und für einige Tage deren Gastfreundschaft genossen. Unsere japanische Austauschstudentin freute sich ebenfalls über unseren Besuch in San Francisco. Im Umfeld der US-Wahlen 2024 habe ich neue Einblicke in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten erfahren (im Auto, in Gesprächen).

• einen Essay zur Klosterinsel Reichenau im Bodensee. Im Jahr 2022 wanderten Rosmarie und ich rund um den Bodensee. Dabei entstand auf www.buenzli-buob.ch das Online-Magazin MBB’s Bodenseetrail. Darin und in regekult.ch finden sich Bodensee-Essays. Nun gab es in Konstanz eine Ausstellung über 1300 Jahre Klosterinsel Reichenau. Wir haben sie besucht und noch viel mehr Infos erhalten als bei unserer Wanderung. Die Reichenau ist ein Essay wert.

• einen Text zu Arbon. Eine Erzählung, eine Reportage, ein Essay, ein Gedicht zu meiner Geburtsstadt? Bereits die Unentschlossenheit, wie ich meinen Text zu Arbon nenne, weist darauf hin: über den Geburtsort zu schreiben, in dem ich seit bald 60 Jahren nicht mehr wohne, macht neben Vergnügen auch Bauchweh. Auf meinem Schreibtisch steht eine Menge an Büchern und Informationen zum pittoresken Städtchen am Bodensee. Dazu hat mein jüngster Bruder als Historiker bereits einiges über Arbons Geschichte publiziert. Was soll ich noch beisteuern? Mir fehlt eine zündende Idee, ein Aufhänger. Die vor Jahren angedachte Expo 27 findet bekanntlich nicht statt im Bodenseeraum. Jammerschade, sagt der Bodenseer.

• einen soziologischen Blick auf den Stadt-Land-Unterschied in Europa und den USA. Sergio Benvenuto macht sich dazu aufschlussreiche Gedanken. Den Text lesen Sie in der Rubrik Mikroskop unter Kulturelle Phänomene. Sein Titel: Das Land belagert die Stadt. Dazu etwas Kultursoziologie mit einer neuen Milieustudie des SINUS-Instituts und dem Blick auf 10 soziale Milieus.

• das 100-Jahr-Jubliläum der Lukasgesellschaft. Ende November werden die meisten Kunstinterventionen in kirchlichen Räumen abgebaut sein. Das OK sammelt fotografisches Material für den Rückblick sowie Medienberichte. Die Webseite www.lukasgesellschaft.ch bleibt am Ball. In meiner Werkstatt findet sich Material zu Kunst und Kirche. In der Rubrik Mikroskop unter Kunst stelle ich zwei Installationen vor, jene in Köniz und jene in der Bahnhofkirche Zürich.

Buchbesprechungen. Ohne anregende Bücher kann ich nicht leben. Hie und da schafft es ein Buchhinweis auf regekult.ch, so nächstens von Philipp Blom Die Unterwerfung. Anfang und Ende der menschlichen Herrschaft über die Natur. In der Werkstatt steht Buch neben Buch.

ein eigenes Buch. Ideen und Reflexionen, die ich vielleicht in einem Buch darstellen werde, nehmen zu. Aktuell stapeln sich in meiner Werkstatt 131 Seiten als Gerüst für vier grosse Kapitel. Es wird sich zeigen, ob ich Wesentliches lesbar formulieren kann. Durch  Abschreiben? Franz Molnar bemerkt dazu ironisch: Aus 1 Buch abschreiben = Plagiat. Aus 2 Büchern abschreiben = Essay. Aus 3 Büchern abschreiben = Dissertation. Aus 4. Büchern abschreiben = ein 5. gelehrtes Buch …

Was können Sie, lieber kreativer Mensch, aus Ihrer Werkstatt erzählen? Bei mir gibt es die Rubrik Einwurf. Oder schätzen Sie als Glückspilz eher einen Meditationsraum für einen stillen Advent?

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„Es ist dramatisch!“ – „Na und?“

Wenige machen viel Lärm. Wenn Sie hitzige Diskussionen verfolgen, denken Sie wahrscheinlich hie und da, „die Welt spinnt“. Um Lärm einzuordnen, gibt es ein altes Prinzip, die 90-9-1-Regel. Sie besagt: Nein, nicht die ganze Welt spinnt. Nur 1 Prozent behauptet, etwas sei dramatisch. 9 Prozent diskutieren das hitzig. Der Rest (90 Prozent) schüttelt den Kopf und geht weiter, was soll‘s. Eine kluge Regel? Meistens wende ich sie an und bin Teil der 90 Prozent. Manchmal schaffe ich das nicht und werde ebenfalls hitzig mit den 9 Prozent. Nur selten versuche ich, mit einem Text auf regekult.ch oder in einem anderen Medium etwas „Lärm“ zu provozieren mit einer These oder einem eigenartigen Gedanken. Alle drei Verhalten der 90-9-1-Regel sind mir vertraut. Und Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser?

Mit der Diskussions(un)kultur ist es so eine Sache. Behaupten geht leicht, zuhören geht schwer. Dazu ein Zitat von Osmo Antero Wiio aus Finnland: „Kommunikation funktioniert normalerweise nie, ausser zufällig.“ Hoppla. Und ich bin in der Kreativwirtschaft tätig, in der Branche der Kommunikation … Noch ein umwerfendes Zitat: „Das Gehirn ist eine faule Sau“, sagt der Psychologe Hans-Georg Häusel. Schwarmverhalten sei einfacher. Der Psychiater Philipp Sterzer ergänzt: „Vernunft ist eine Illusion.“ Drei klare Aussagen, die in Diskussionen mit viel Lärm wenig bis nie praktiziert werden. Angewandt würde viel erregtes Reden durchschaut und reduziert.

Wer den öffentlichen Diskurs dominiert
In den letzten Wochen sind mir Texte unter die Augen gekommen mit der These, Linksliberale würden heute den öffentlichen Diskurs dominieren – und dagegen wachse konservativer, populistischer Widerstand gerade bei (männlichen) Jugendlichen. Schlagworte, klar. Die eine Seite grenze die jeweils andere Seite aus, heisst es. Ich nehme an, Sie kennen Beispiele. Es wird über unüberbrückbare Spaltungen geschrieben, über solche zwischen Deutschland-West und Deutschland-Ost oder zwischen Demokraten und Republikanern in den USA oder über den Stadt-Land-Graben in der Schweiz, über Gegensätze zwischen linksliberal und rechtspopulistisch, über „left behind“ und „running ahead“ – um einige Themen zu nennen.

Als einer, der kreativ mit Sprache „handelt“ und arbeitet, weiss ich, dass eine knapp formulierte Sprache unser Bewusstsein mitprägt, dass sie normalerweise schwarz-weiss malt, dass sie urteilt statt analysiert. Bad news verkaufen sich besser als good news, erstere können sogar süchtig machen. Untergangs-Szenarien mit Ängsten vor Kriegen, Pandemien und Umweltkatastrophen beeinflussen uns unbewusst ein Stück weit, auch unsere Kinder und Enkel:innen. Als Gegenmittel sind Hoffnung wecken und positives Denken harte Arbeit. Eine mögliche Reaktion auf negative Meldungen: Verzicht auf Fernsehen und Zeitungen. Eine weitere Reaktion: „Die andern sind schuld, ich nicht.“ Eine oft gehörte Reaktion: Fremde schaffen Probleme, die wir ohne sie nicht hätten. Ein mögliches Verhalten ist: Gespräche im Kleinen führen, die „andere“ Seite wertschätzen, nachdenken und vordenken.

Topografie der Verachtung
Ich staune, wenn die einen andere als rückständig einstufen, als solche, die keine Ahnung haben, als soziale Verlierer, als Unbelehrbare. Ich bin besorgt, wenn die einen im Verhältnis zu anderen eine Topografie der Verachtung erstellen. Deren mentale Landkarte kommt ohne sogenannt Rückständige nicht aus (in England betrifft es den Norden, in den USA den Süden, in Deutschland den Osten, in Italien den Süden, in der Schweiz den Kantönligeist). Universalisiert wird diese Topografie der Herabsetzung durch einen Kontrast von Urbanität und Provinz. Ein Faktencheck sowie persönliche Begegnungen hingegen würden positive Resultate und Bilder erzeugen, mit anderen Worten: unzählige Differenzierungen. Niemand ist „typisch“! Damit könnte die erwähnte Topografie ins Abseits gestellt werden. Unterschiede sind keine Bedrohung. „So ist das Leben / eben / uneben“, ein Netz von Beziehungen und Zusammenhängen, von Zwischentönen und Graustufen.

Verzerrte Wahrnehmungen
Die 90-9-1-Regel finde ich ein probates Mittel, Schlagworte des einen Prozent nicht als bare Münze zu verstehen. Ich sehe sie als Rotlicht: stoppen, innehalten, nachdenken. Das Gleiche gilt für Texte, die gross aufgemacht von Spaltungen erzählen. Es könnte sich um verzerrte Wahrnehmungen von Medienleuten und/oder Politprofis handeln. Oder um die Inszenierung eines grossen, dramatischen Welttheaters. Es könnte sein, dass sich Medienunternehmen damit eine höhere Auflage, grössere Einschaltquoten, mehr Klicks und damit mehr Einnahmen versprechen – und Parteien mehr Zuspruch, mehr Einfluss.

„Die Situation ist dramatisch, wir müssen was ändern, JETZT!“ Meine Reaktion auf solche Aussagen von Mainstream-Meinungsführer:innen (den 1 Prozent): „Na und?“
Früher hätte ich heftig mitgeschlagwortet mit den 9 Prozent, mich genervt über „die Abwesenden“. Heute schätze ich die Abwesenheit der 90 Prozent auf der Medienbühne, auf dem sogenannten Mainstream. Sie leben ihren Alltag mal so, mal so. Pragmatisch versuchen sie trotz all ihrer Sorgen ein gutes Leben für sich und, wenn möglich, mit anderen zusammen zu gestalten. Illusionslos. Mit Bodenhaftung.

Unsere Gesellschaft bewegt sich in langsamen Schritten trotz und gerade wegen Bedrohungen durch Krankheiten, Kriege, Konflikte, Klimaerwärmung, Katastrophen. Das Jetzt findet ungleichzeitig statt in der „Ko-Existenz des Widerspruchs“. Das ist für 90 Prozent normal. Sie sagen: „Na und!“

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