Jahresende. Zeit für Rückblicke. Sogenannt wichtige Daten zwischen Januar und Dezember 2019 werden von Medien aufgelistet, im Freundeskreis erwähnt.
Ab 1. Januar 2020 gehören sie zur Geschichte. In der Erinnerung lassen sich Ereignisse, die damals am Tag X für mich, für Sie, für die Schweiz, für die Gesellschaft unvergesslich schienen, aus heutiger Sicht erzählen, ausschmücken, verschönern, sogar „neu erfinden“. Erfinden?
Am 6. Dezember besuchte nicht nur der Samichlaus die Stadt Bern. Am gleichen Tag sprach Hubert Wolf an der Uni Bern mit Blick auf den 8. Dezember 1869 und dessen Folgen über „die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert und die Brisanz von Kirchengeschichte“. Die Neue Zürcher Zeitung publizierte am 6. Dezember einen Artikel von Jan-Heiner Tück, in dem er ebenfalls das 19. Jahrhundert und das Erste Vatikanische Konzil thematisierte. Seit 150 Jahren ist der Papst in Rom „unfehlbar“. Damit entstand eine neue Kirche – und blieb trotzdem „die alte“. Wie passt das zusammen?
Bekannt ist der Begriff „Geschichtsklitterung“. Wir klittern zusammen, was historisch nicht direkt zusammengehört. Auf Französisch kenne ich das Wort „relecture“: ich lese und interpretiere aus heutiger Sicht, aus meiner aktuellen Verfassung, was sich fern abgespielt haben soll. Oder wie es Anaïs Nin prägnant formulierte: „Wir sehen die Dinge, wie wir sind, nicht wie sie sind.“ Historiker*innen könnten noch andere Begriffe anfügen.
Hubert Wolf, Professor für Kirchengeschichte, sprach von einer mir bisher unbekannten Wortschöpfung: „Invention of tradition“. Auf Deutsch: erfundene Tradition. Eric Hobsbawn u.a. führten den Begriff 1983 ein.
Was braucht es, um eine Tradition zu erfinden?
- als Auslöser dient eine grosse Krise
- eine Niederlage wird in einen Sieg umgedeutet durch Beschwörung der eigenen Sicht auf die Vergangenheit
- Traditionsmanager helfen, ein neues Geschichtskonzept zu bilden
- Traditionen von Gegenspieler werden herabgewürdigt
- Gruppenevents mit normativer Kraft fördern den Gehorsam der Gruppenmitglieder für die aus ihrer Sicht gerechte Sache
- Einheitlichkeit schafft Zusammenhang, Abweichung nach Innen wird nicht zugelassen
- eine neue Kontinuität entsteht, weil man sich auf „ewige“ Traditionen beruft. So wird die Erfindung zum dauerhaften Prozess.
Selbstverständlich lässt sich mit diesen sieben Punkten auch Schweizergeschichte kritisch befragen. Stichworte sind u.a. Rütlischwur 1291, Wilhelm Tell, Morgarten, böse Habsburger, Reformation, 728 Jahre Demokratie und Neutralität, vor dem Gesetz sind alle gleich … Besonders zum Einsatz kommt die Invention of tradition dort, wo sich im 19. Jahrhundert Nationalstaaten sowie ein neuer, kleiner Kirchenstaat bilden oder wo sich neue Identitäten herausschälen (Beispiele: aktuelle Identitätspolitik, die Entwicklung des Christentums aus dem Judentum).
Hubert Wolf beleuchtet mit den sieben Punkten die katholische Kirche im 19. Jahrhundert. Wichtige Faktoren für deren Neuerfindung waren damals:
- die Französische Revolution führt zu einer grossen Krise, weil sich der Staat in Frankreich in kirchliche Belange einmischt (und Napoleon kerkert Papst Pius VII. vorübergehen in der Engelsburg ein!)
- ein Einheitskatholizismus wird angestrebt (auf Kosten liberaler Kräfte, die sich in der altkatholischen/christkatholischen Kirche sammeln oder sich still in die innere Emigration zurückziehen)
- mit dem tridentinischen Faktor aus dem 16. Jahrhundert werden Priesterseminar, Priesterbild und Messe überbetont und somit neu „erfunden“.
- Traditionsmanager erhöhen den Papst zum absoluten Herrscher, der alle drei Gewalten in seinen Händen hält und vereinheitlichen die römisch-katholische Kirche. Pluriformität gibt es nicht mehr. Die moderne, liberal geprägte Welt wird als antimodern herabgewürdigt (siehe Syllabus errorum von 1864).
Was waren aus Sicht von Hubert Wolf Folgen des 1870 wegen Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges vorzeitig abgebrochenen Vaticanums I für die Kirchengeschichte, für die neu erfundene römisch-katholische Kirche?
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- Nach dem Ersten Vatikanischen Konzil brauche es offiziell keine Historik*innen mehr, Geschichte zeige sich ja nur als „Sumpfgebiet“.
- Die Niederlage des Kirchenstaates war damals so gross, dass der Fachbereich „Kirchengeschichte“ an den Rand der Universitäten gedrückt wurde. Wenn jemand vom Vatikan wegen anderer Meinung angegriffen und sogar verurteilt wird, sind es Fachleute für Exegese und Ethik.
- Die Dogmengeschichte gibt bis heute keine hilfreichen Antworten („Die Kirche gibt Antworten auf Fragen, die niemand stellt…“)
- Heute ist der Begriff „Reform“ in der Krise. Das zeigt sich auch unter Papst Franziskus.
- Fesseln aus dem 19. Jahrhundert sind im Jahr 2019 und wohl auch im Jahr 2020 schwer zu lösen.
Dabei gäbe es eine alte, gut katholische Alternative: „ecclesia semper reformanda“ (Kirche ist ständig zu erneuern). Unter anderem strebte die Synode 72 der Schweizer Katholik*innen ein Aggiornamento für unsere Breitengrade an. Sie scheiterte am Veto des Vatikans.
Hubert Wolf nannte, Friedrich Schiller zitierend, zwei Typen von Historikern: den Brot-Gelehrten (eine Sklavenseele) und den Wissenschaftler. Wofür sein Herz schlägt, ist klar.
Wissenschaftlich fundierte Kirchengeschichte zu betreiben, würde eigentlich gefährliche Erinnerungen schaffen. Genau aus diesem Grund hat sie keine starke Lobby …
PS 1: Da gleiche Phänomen ist auch zu beobachten bei profanen Geschichtsschreibungen von Brot-Gelehrten in der Schweiz, in China, in der Türkei, in Japan usw. usf.
PS 2: Eine Invention of tradition schaffen auch die Evangelisten Lukas und Mattäus in ihren unterschiedlich komponierten „Weihnachtsgeschichten“ der Geburt Jesu zu Beginn ihrer Evangelien. Wie Mattäus komponierte, lesen Sie unter Tage-Buch vom 6. Januar 2018.