Erinnern Sie sich? Im Juli 1969 machte sich Apollo 11 auf den Weg zum Mond. Der US-Astronaut Neil Armstrong betrat als erster Mensch den Erdtrabanten und sagte: „Das ist ein kleiner Schritt für den Menschen, aber ein Riesenschritt für die Menschheit.“ Ich habe die Mondlandung am 21. Juli 1969 am Fernsehen fasziniert mitverfolgt.
Der Publizist Régis Debray schreibt, mit jener Mondlandung sei das sogenannt „faustische Zeitalter“ (Oswald Spengler) zu Ende gegangen, begonnen habe es 1336 mit Petrarca. „Das grüne Zeitalter“ sei an dessen Stelle getreten. Der Autor fügt dem Titel des Textes einen Untertitel bei: „Das Erbe der Welt und die Hoffnung auf ein neues Fest der Rosen“.
Ich fasse den Essay von Régis Debray so gut als möglich zusammen, füge jedoch einige Bemerkungen an. Der französische Autor verfasste seine Gedanken vor der Coronavirus-Pandemie. Mich interessiert neben seinen Ausführungen auch die Frage, ob sich sein Text in der aktuellen Situation einer ausserordentlichen Lage verändert und in welcher Weise. Ob er jetzt ins Leere zielt, oder ob die Betrachtungen des politischen Philosophen unabhängig von der Aktualität nachzuvollziehen sind.
Auf zwei (von acht) Kapitel gehe ich an dieser Stelle kurz ein: auf den neuen „neuen Menschen“ sowie auf die „religiöse Nachfolge“. Meine Zusammenfassung aller acht Kapitel ist hier zu lesen. Ich warne aber vor der Lektüre, man könnte auf sich selber treffen…
Der neue Mensch, nach Régis Debray, fährt mit dem Rad ins Büro, macht den Abwasch, geht langlaufen (oder Schneeschuhlaufen), nimmt Vaterschaftsurlaub, springt ins kalte Wasser, ist eine Frau mit kurzen Haaren und flachen Absätzen. Das Gute ist dort, wo der Radweg König und die Luft klar ist, wo die Körper straff und die Konten transparent, die Gewerkschaften kooperativ, die Frauen zu Kulthandlungen berechtigt, die Kirchen protestantisch und die Seelen rein sind. Es gibt keine Vorhänge, wie bei den Katholen. Man hat nichts zu verbergen. Und so weiter. Wie soll man dem nicht Respekt zollen, fragt sich der Philosoph.
Mir ist nur nicht klar, ob sich der Autor bei seiner Aufzählung ironisch verhält. Seriöser kommt die Beobachtung daher, dass es bei einer allfälligen Gewissensprüfung eine neue erste Frage gibt. Ein Jahrtausend lang habe sich der moralische Mensch gefragt: Wie steht es um meine Beziehung zu Gott? Dann, beginnend mit der Renaissance: Wie steht es um meine Beziehung zu meinen Mitmenschen? Und heute: Wie steht es um meine Beziehung zu den Tieren? Der Abendländer suchte sich zunächst im Himmel; dann suchte er sich im Mitmenschen; heute sucht er sich im Schimpansen. Es handle sich um einen Übergang von einer geistigen zu einer natürlichen Bedingtheit. Folglich habe heute der Kampf für den Ozean und die Biomasse oberste Priorität. Hegel müsse in die Ecke stehen und Christus mit ihm, dafür würden wir uns mit Epikur auf einer Ebene finden – und mit den Bienen. Die „Umweltfrage“ sei das Ein-und-alles.
Klar sei heute ebenfalls: Religion brauche es, wohl eine zwischen buddhistischem Mitleid und daoistischer Mystik (immer diese Fremdwörter aus fremden Kulturen – so typisch…). Der Kult der Natur führe zum Spielfeld „Wald und Steppe“ zurück.
Der Essay von Régis Debray erzählt kultürlich viel mehr. Er findet sich als erster Artikel in der Zeitschrift „Lettre international. Europas Kulturzeitung“, in der aktuellen Nummer 128 vom Frühjahr 2020, an einem grösseren Kiosk erhältlich.
Zum Schluss seines zugegebenermassen anstrengenden philosophischen Galopps durch die Gegenwart (vor Corona) steigt der Philosoph vom Pferd. Der Mensch ist Natur und Geist, Material und Werkzeug. Er ist kein Entweder-oder. Es gibt Gründe zum Verzweifeln. Es gibt Hoffnung auf ein neues Fest der Rosen! Irgendwann, nach langer Corona-Karwoche, könnte sich unerwartet Ostern ereignen. Oder profan formuliert: wir Alten geben das Erbe der Welt weiter an die nächste Generation.