Geboren im Jahr 1952 bin ich heute mitten drin. Im Anthropozän, einem geologischen Zeitalter, das vom Mensch bestimmt wird. Geolog:innen schlagen diesen neuen Begriff vor. Er soll die Epoche des Holozäns ablösen. Das Holozän begann vor rund 11’700 Jahren mit der Erwärmung der Erde.
Seit 1950, wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, verändert sich unser Planet Erde gemäss Fachleuten „beschleunigt“, „dramatisch“, „explosionsartig“. Zum ersten Mal richtig bewusst wurde der Weltöffentlichkeit im Jahr 1972, dass wirtschaftliches Wachstum nicht uferlos wachsen sollte. Unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ erschien ein dickes Buch. Ich habe es gekauft, gelesen – und war naiv optimistisch hinsichtlich notwendiger und baldiger Korrekturen.
Die Autoren Dennis und Donella Meadows zogen 1992 und 2002 je Bilanz zu ihrer Arbeit von 1972. Sie stellten ernüchtert fest, dass sich theoretisch mögliche Auswege aus Rohstoff- und Nahrungsmittelknappheit sowie aus Umweltverschmutzungen durch weltweites Zaudern beschränkt hatten und wohl weiter beschränken würden.
Ein „Messgerät“ ist der sogenannte Footprint-Rechner des WWF, der ökologische Fussabdruck. Er kann persönlich wie global ausgewiesen werden. Im Jahr 2019 haben wir Schweizer:innen bereits am 7. Mai so viel von der Natur gebraucht, wie uns eigentlich fürs ganze Jahr zustand. Wir hinterlassen demnach einen grossen ökologischen Fussabdruck. Würden alle so leben wie wir in der Schweiz, bräuchte die Menschheit jedes Jahr die Regenerationskraft von drei Planeten. Und ich bin mitten drin auf grossem Fuss.
Den globalen Fussabdruck zeigt eine neue Studie auf, veröffentlicht in „Nature Communications Earth & Environment“. Eine Beobachtung, die heraussticht:
Die Menschheit verbraucht seit 1950 mehr Energie als in den 11’700 Jahren davor.
Was trägt dazu bei? Hier ein paar wenige Zahlen, die jedoch wohl nur abstrakt wirken dürften.
- 1950 zählte die Weltbevölkerung 2,5 Milliarden Menschen – 2020 zählt sie 7,850.
1950 zählte die Schweiz 4,71 Millionen Menschen – 2020 zählt sie 8,84 Millionen. - Das Wirtschaftswachstum steigert den Konsum fossiler Energie (Kohle, Erdöl, Erdgas). 1950 betrug es in Terrawattstunden 20’139 und 2015 bereits 132’891. (Mit dem jährlichen globalen Konsum könnte die Schweiz 850 Jahre lang mit Energie versorgt werden.) Dieser zunehmende Verbrauch führt zu Klimaerwärmung, Luftverschmutzung, mehr Treibhausgasen in der Atmosphäre sowie zu steigendem Meeresspiegel, während das Eisvolumen in der Arktis und alpine Gletscher immer stärker schmelzen. Erneuerbare Energien wären dringend zu fördern.
- 1950 brauchte die Bautätigkeit 130 Millionen Tonnen Zement – 2015 waren es 4’180 Millionen Tonnen.
- 1950 zählte man weltweit 8 Millionen Motorfahrzeuge. Im Jahr 2000 waren es 450 Millionen – und 2015 bereits 4’180 Millionen. (2019 zählte die Schweiz 5’885’642 Motorfahrzeuge.)
- Auch die CO2-Emmissionen stiegen stark, von 5,8 Milliarden Tonnen im Jahr 1950 auf 35 Milliarden Tonnen im Jahr 2015.
- Ein letzter Marker: 1950 betrug das Bruttoinlandprodukt 4’656 Milliarden Dollar – im Jahr 2015 stieg es auf 73’902 Milliarden Dollar. (In der Schweiz ist das BIP seit 1950 um den Faktor 30 angestiegen und lag 2015 bei 745 Milliarden Dollar.)
Obwohl es für den einzelnen Menschen unmöglich scheint, die Erde zu formen, geschieht genau das durch die Summe der Daten. Die Autor:innen der Studie listen 16 Punkte auf, wie sich die Menschheit in den Planeten Erde einschreibt. Ergänzend zu den oben genannten werden erwähnt: Veränderung von Küstenlinien, radioaktiver Fall-out, industrielle Fischerei, Landwirtschaft und Bergbau sowie Plastik(abfälle).
Heute ist der erste Adventsonntag. Die liturgische Farbe der katholischen Kirche zeigt sich violett. Es ist die Farbe der Nachdenklichkeit, der Besinnung, des Neuausrichtens. Im Begriff „Advent“ verstecken sich „aventure“ und „adventure“, also Abenteuer. Interessant ist, dass in der aktuellen Corona-Pandemie in „weltlichen“ Medien aufgerufen wird, im Advent und an Weihnachten neue Formen des Feierns und des Konsums zu entwickeln. Abenteuer sind also erwünscht. Auch mit Masken vor Mund und Nase. Auch in Kleingruppen. Mit mir, mit Ihnen mitten drin.