Interessieren Sie sich für Statistiken? Im langjährigen Vergleich geben sie Trends wieder, zeichnen vordergründige Veränderungen nach. In Diskussionen können sie Bodenhaftung markieren statt persönliche Einschätzungen gewichten.
Seit 1850, seit der ersten Volkszählung, wird die Religionszugehörigkeit der Bevölkerung in der Schweiz erhoben. Seit 2010 sind Fragen zur Religion Teil der jährlich durchgeführten Strukturerhebung. Sie werden alle fünf Jahre mit Erhebungen zu Sprache, Religion und Kultur ergänzt. Nun liegen erste Ergebnisse der Erhebung im Bereich „Religiöse und spirituelle Praktiken und Glaubensformen in der Schweiz“ vor, publiziert 2020 vom Bundesamt für Statistik. Erhoben wurden sie 2018, ausgewertet 2019. Was fällt auf?
- 1970 zählte die protestantische Gemeinschaft 48,8 Prozent der ständigen Bevölkerung ab 15 Jahren – 2018 waren es 23,1 Prozent.
- 1970 zählte die römisch-katholische Gemeinschaft 46,7 Prozent – 2018 waren es 35,1 Prozent.
- 1970 waren 1,2 Prozent ohne Religionszugehörigkeit – 2018 zählte diese Gruppe 27,9 Prozent. Das ist der auffälligste Unterschied.
- 12 Prozent der Menschen fühlen sich einer anderen Religionsgemeinschaft zugehörig. Der Anteil von muslimischen Gemeinschaften (sunnitische, schiitische, alevitische, sufistische) nahm zwischen 1990 und 2010 zu und blieb zwischen 2011 und 2018 stabil bei rund 5 Prozent.
- Evangelikale Gemeinden oder Freikirchen machen 1,5 Prozent aus.
- Ostkirchlich- orthodoxe Kirchen und andere christliche Ostkirchen kommen auf 2,5 Prozent.
- Die evangelisch-lutherischen Kirchen, andere auf die Reformation zurückgehende Kirchen sowie internationale christliche Gemeinschaften machen 1,1, Prozent aus. Anglikanische und christkatholische Gemeinden kommen auf 0,1 Prozent.
- Jüdische Gemeinden (0,2%), hinduistische (0,6%), buddhistische (0,5%) und alle übrigen als Religion betrachteten Vereinigungen (0,2%) ergeben zusammengefasst 1,5 Prozent. – Soweit diese Zahlen zur Religionslandschaft.
Die Religionsgemeinschaften unterscheiden sich unter anderem in der Altersstruktur und bezüglich Migration.
Die katholische Gemeinschaft verdankt ihre relative Stabilität weitgehend der Migration, besonders aus Spanien und Portugal eingewanderten Personen. Darum sind anderssprachige Missionen für Migrant:innen bedeutsam. 58,4% der Katholik:innen haben keinen Migrationshintergrund. Altersmässig ist der Anteil der Personen ab 65 Jahren mit 24% eher hoch. 29,3 Prozent sind zwischen 50 und 64 Jahre alt.
Bei den protestantischen Gemeinschaften sind 34,5% über 65-jährig und 25,3% zwischen 50 und 64. Keinen Migrationshintergrund haben 87,2% – ein signifikanter Unterschied zu den Katholik:innen.
Bei den Personen ohne Religionszugehörigkeit beträgt der Männeranteil 55%. Sie sind eher jung: die 15- bis 34-Jährigen machen 35% aus, die Personen ab 65 Jahren 13%. Der Migrationshintergrund beläuft sich auf 40%.
Stichwort Glaube (sehr allgemein formuliert): Zwischen 2014 und 2019 hat sich der Anteil Personen vermindert, die angeben, an einen einzigen Gott zu glauben: von 46% auf 40%. An eine höhere Macht glauben 25,3%. Als Agnostiker:innen bezeichnen sich 17,9%, als Atheist:innen 15,1%.
Ein letztes Stichwort: Weitergabe von religiösen oder spirituellen Werten an Kinder.
2019 spielen Religion oder Spiritualität für 42% der Bevölkerung eine eher wichtige oder eine sehr wichtige Rolle bei der Kindererziehung. Ein Viertel der Kinder hat eine andere Religion (Konfession) als eines ihrer Elternteile. Ein Drittel der Kinder unter 15 Jahren gehört keiner Religion an (2014 war es ein Viertel).
Fazit: Die Religionslandschaft wandelt sich weiterhin, teilweise nimmt die Beschleunigung des Wandels zu.
Ob das Jahr 2020 und die aktuelle Situation mit der Corona-Pandemie Auswirkungen auf religiöses Verhalten haben werden oder Bindungen an eine Gemeinschaft stärken / schwächen, wird die nächste Befragung von 2023 zeigen.