Pulverfass Kaukasus

Mit Fussball hat dieser Text nur am Rand zu tun. Hauptthema sind der Kaukasus und der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Nagorni Karabach oder Bergkarabach. Die Hauptstadt von Aserbaidschan heisst Baku und liegt am Kaspischen Meer.
Am 12. Juni 2021 spielte die Schweizer Fussballnationalelf der Männer in Baku im Rahmen der Europameisterschaft 2020 gegen das Team aus Wales unentschieden 1:1. Am 20. Juni war der Gegner, ebenfalls in Baku, die Türkei. Die Schweiz gewann 3:1 und qualifizierte sich für die Achtelfinals. Haben Sie im Umfeld dieser zwei Spiele der um 1 Jahr verschobenen EM 2020 vom politischen und kulturellen Umfeld im südlichen Kaukasus etwas erfahren? Mir ist nichts aufgefallen, es ging nur um Fussball. Dabei ist Baku Teil eines labilen militärisch-politischen Pulverfasses. Es könnte bald wieder explodieren. Zu viele Interessen streiten sich im südlichen Kaukasus.

Am 27. September 2020 begann ein Krieg um Bergkarabach zwischen Armenien und Aserbaidschan. Armenien verlor ihn mit hohem Blutzoll (4000 tote Soldaten) und mit dem Verlust von Ortschaften und mittelalterlichen Klöstern. Das kleine christliche Land erhielt fast keine Unterstützung, weder von Russland noch von Frankreich. Der Nachbar Georgien erklärte Neutralität. Der Nachbar Iran dürfte Armenien wohl inoffiziell unterstützt haben, er liefert Öl und will keine aserische Propaganda für die aserische Minderheit im eigenen Land. China machte sich argwöhnische geopolitische Gedanken wegen einer pantürkischen Verbrüderung – sollte diese in Xinjiang oder in der Mongolei enden? Der Sicherheitsrat der UNO wurde durch britische Interventionen lahmgelegt. Immerhin intervenierte nach 44 Tagen Krieg Russland und drängte Aserbaidschan zu einem eher fragilen Friedensabkommen vom 9. November 2020. Inzwischen hat die EU Armenien ein Hilfspaket zugesichert. Ausserdem versucht die Diaspora von 8 Millionen Armeniern, ihrer Heimat beizustehen.
Auf Seiten von Aserbaidschan engagierte sich die Türkei, die für jährliche Manöver bereits im Land war. Syrische Dschihadisten kämpften mit, moderne israelische Drohnen sowie Waffen aus Weissrussland und Tschechien wurden eingesetzt. Und Pakistan stellte sich auf die Seite von Aserbaidschan (für die Anerkennung seiner Rechte über Kaschmir). Verständlich, dass Aserbaidschan Gebiete in Bergkarabach zurückeroberte, die es im Krieg zwischen 1988 und 1994 verloren hatte.
Lässt sich der 44-tägige Krieg von 2020 als „kleiner Weltkrieg“ bezeichnen? Und wer hat ihn gewonnen? Die sunnitische Türkei? Vieles bleibt bisher ungeklärt.
Jedenfalls befinden sich auf dem Boden eines souveränen (!) Staates vier Armeen: die aserbaidschanische, die türkische, die russische als Friedenswächter und jene des armenischen Karabach. Nicht zu vergessen sind Syrer sowie Israeli. Einerseits dient Aserbaidschan für Israel als Brückenkopf zum oder als Speerspitze gegen den grossen Feind Iran. Andererseits kann es hier die Ölpipeline aus Aserbaidschan nach Israel sichern.

Die Gegenwart zeigt sich vieldeutig und angespannt. Jetzt müsste ein langer Blick in die Geschichte der Region erfolgen.
Hier nur kurz: Mit der Türkei, Russland, China und Pakistan engagieren sich Nachfolger der einst gewaltigen eurasischen agrarischen Reiche auf dem Spielfeld Kaukasus, ebenso Persien/Iran.
Die armenischen Hochebenen bildeten einen fortdauernden Zankapfel zwischen aufeinanderfolgenden persischen Reichen – Achämeniden, Parther, Sassaniden, abbasidischen Kalifen, Safawiden – und ihren imperialen Reichen aus der östlichen Mittelmeerregion: Griechen, Römern, Byzantinern, Osmanen.
Armenien wurde unterworfen von Römern, Parthern, Byzantinern, Sassaniden, Arabern, Seldschuken, Mongolen, Tataren, Mamluken, Safawiden, Türken und Russen – und Armenier haben selber auch getötet.

Aufgrund meiner Kenntnisse weise ich Armenien vier Eigenschaften zu: Pufferstaat – Auswandererstaat – Unglücksstaat – Kulturstaat. Von Aserbaidschan kenne ich zu wenig, um das Land einzuordnen. Ich weiss nur, dass sich beide Länder aus ihrer Sicht im Recht fühlen. Deshalb könnte mir eine Reise durch die Länder am Kaukasus wichtige Ergänzungen bringen für die Geschichte Eurasiens. Die Exkursion dorthin müsste ich jedoch nicht mit einem Fussballmatch verbinden, ich bin ja kein FCB-Fan.
Dieser FC Basel wird am 16. September 2021 sein erstes Spiel in der neuen Conference League in Baku austragen. Gegner ist Qarabağ FK oder Karabach Ağdam. Der Club wurde 1951 in der Stadt Ağdam in Nagorni Karabach gegründet. Seit 1993 ist er wegen des ersten Karabach-Krieges von 1988 bis 1994 in Baku ansässig. Ich hoffe, Mitte September neben der Berichterstattung über einen eher unwichtigen Fussballmatch auch Aktuelles zu erfahren zu Kultur und Politik im Kaukasus.

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