Unter vielen Beobachtungen zur heutigen Zeit fallen mir zwei gegensätzliche Strömungen auf. Sie weisen zwar gemeinsame Quellen auf. Aber ihre Laufrichtungen und deren praktischen Konsequenzen gehen deutlich auseinander. Ich tippe sie kurz an.
Die eine Beobachtung stellt apokalyptisches Denken fest. Dieses bedient sich vor allem moderner sozialer Netzwerke und antwortet auf verbreitete Untergangsstimmungen. Apokalyptiker:innen pflegen einen strengen Dualismus. Sie dämonisieren im Sinne der Identitätspolitik ihren exogenen Feind (= u.a. das System, den toxischen weissen Mann) und lassen Anhänger:innen einer reinen Lehre als die Guten und Gerechten dastehen (= Märtyrer:innen, die leiden, Opfer-Narrative). Einer der historischen Bezugspunkte dafür ist das Buch Daniel aus dem ersten Teil der biblischen Bibliothek. Es legt die Basis für den Traum einer besseren Welt. Darauf werden die Verheissung einer Wiederauferstehung sowie die Verheissung eines ewigen Lebens im Himmel entwickelt. Und als Gegenspieler vom einen guten Gott wird der böse Teufel eingeführt, importiert aus Persien. Wir befinden uns kulturgeschichtlich im 3. und 2. Jahrhundert vor Christus im Vorderen Orient, im Spannungsfeld grosser religiöser Diskurse. Geschichte wandelt sich im späten Judentum langsam zur Heilsgeschichte. Und ein profetischer Träumer, Daniel, weist in die Endzeit. Für spätere christliche Interpreten bietet sich dann Christus – ein nachösterlicher Titel für Jesus von Nazaret – an, die Rolle des endzeitlichen Profeten zu übernehmen.
Heute gibt es eine ganze Reihe von Traumdeuter:innen und Märtyrer:innen. Ihre Bezugsgrösse: „Ich leide, also bin ich.“ Apokalyptik wiederholt sich immer wieder.
Die andere Beobachtung macht Ansätze aus, die den Menschen in seinem Umfeld neu denken wollen. Sie suchen ein Narrativ, welches jenes von der bisherigen Welt- und Naturbeherrschung ablösen könnte. Statt Ausbeutung Kooperation. Statt Monolog Dialog. Statt Krieg Entwicklung. Statt Mono Multi. Statt ich wir. Das Verhältnis von Geben und Nehmen gelte es in Balance zu bringen. Ich nehme Bezug auf ein Gespräch mit Philipp Blom, das ich hier in Auszügen dokumentiere.
Im Vorderen Orient, in Mesopotamien, ist das Gilgamesh-Epos entstanden, die erste überlieferte niedergeschriebene Erzählung. Davon dürfte es wohl 3 Fassungen aus 3 Epochen geben: eine um 2900 v. Chr. verfasste, eine um 2400 und eine um 1800. Das Epos beeinflusste auch (unbekannte) biblische Autoren für deren Schöpfungsgeschichten im Buch Genesis. Das Gilgamesh-Epos erzählt, wie der Geist der Naturbeherrschung (in Person des Königs) über den Waldgeist siegt. In Mesopotamien entstanden erste Städte, sie benötigen Holz aus dem Libanon. Dank neuer Agrartechniken liess sich Natur „kultivieren“. Und mit der Trennung von „Natur“ und „Kultur“ entwickelte sich eine neue Weltanschauung – dualistisches Denken war geboren. Unterstützt wurde die neue Methode der Weltbeherrschung („Macht euch die Erde untertan!“) durch die Trinität von theologisch-kirchlichem Monotheismus, politischen und militärischen Eliten.
Für manche Denker:innen bewirkt diese „alte“ Aufteilung eigentlich eine Scheinwelt, eine ambivalente Sache, einen Ausdruck von doppelgesichtigen Machtstrukturen. Konserviert werde damit ein enggefasstes christliches Erbe, eine monotheistische Struktur. Es brachte Kolonialismus mit sich, aber auch Wissenschaft, Sklaverei, aber auch Demokratie, Konsum, aber auch Marktutopie von freien Individuen. Wir denken, so deren These, darum weiterhin in traditionellen religiösen Mustern, obwohl „Religion“ in unseren Breitengraden vielerorts keine Bedeutung mehr zu haben scheint. Ein „neues“ Denken würde sich mit reziproken, mit wechselseitigen Prozessen beschäftigen.
Was fordert uns aktuell heraus?
Pandemie – Ökologie – Rassismus: diese Themen betreffen und bedrücken manche von uns sehr. Ihre Liste liesse sich problemlos erweitern. Ist sie dann zu lang? Oder haben wir auf drängende Fragen zur Zeit einfach keine hilfreichen Antworten? Sind wir vor allem, gut schweizerisch, um Statuserhalt bemüht? Après moi le déluge …
Und was ist „vorher“, frage ich jeweils. Bleiben wir bei der alten Aufteilung oder …
wehre ich mich gegen eine apokalyptische Untergangsstimmung? Verzichte ich auf manches zugunsten der Energiewende? Wähle ich die Natur als Dialogpartnerin? Bin ich kritisch gegenüber meiner eigenen schwarz/weissen Denkschablonen? Schätze ich Kompliziertes? Trainiere ich physisch wie psychisch für längeres Wandern?
Ein Echo ruft mir zu: „Steh auf und geh! Scheue dich nicht, langsam voranzugehen. Aber hüte dich, stehen zu bleiben.“ Okay.
PS: Ergänzende Texte zu diesem Blog finden Sie via Blog vom Mai 2021 mit Bezug auf Peter Sloterdijk, via Blog vom Mai 2020 mit Bezug zu einer Weltreise anhand von drei Büchern sowie in Diskussionen zu Gottesbildern und deren Entwicklung im christlichen Bereich.
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