Traditionen wirken tiefer als „historische Sekunden“

In Nur-Sultan (neu wieder Astana), der Hauptstadt von Kasachstan, fand in diesen Tagen der VII. Weltkongress der Religionen statt. 100 Delegationen aus 50 Ländern verabschiedeten eine 35 Punkte umfassende Abschlusserklärung. Darin wird u. a. das Entfesseln militärischer Konflikte verurteilt. Diese führten zu unnötigem Blutvergiessen, unabsehbaren Kettenreaktionen und störten die internationalen Beziehungen. Die Teilnehmenden sind bereit, durch gemeinsame Initiativen zu Frieden und Dialog zwischen den Völkern und Kulturen beizutragen. An der Konferenz kam es auch zu einem Zusammentreffen von Papst Franziskus und Vertretern des Moskauer Patriarchats. Patriarch Kyrill I. selber war nicht anwesend. Gleichzeitig trafen sich in Samarkand (Usbekistan) u.a. Wladimir Putin und Xi Jinping in der „Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit“. Sie versicherten sich der gegenseitigen Unterstützung. Welche Konferenz wird neue Resultate hervorbringen? Für wen fruchtbare, für wen furchtbare?

In wenigen Tagen kommen fünf pensionierte Männer in Schwarzenburg in ihrem Sachbuchclub zusammen. Wir diskutieren das Buch des Publizisten Boris Reitschuster mit dem Titel Putins Demokratur. Was sie für den Westen so gefährlich macht. Das Buch zeigt anhand vieler Beispiele auf, wie das System der Regierung funktioniert und wie arglos, ja voller Illusionen der Westen darauf reagiert(e). Eine ernüchternde Lektüre.

Diesen Eindruck verstärken auch Hintergrundberichte in der NZZ zwischen dem 30. August und dem 14. September 2022 sowie in der aktuellen Nummer der Kulturzeitschrift Lettre International. So stecke Russland tief in seinem asiatischen Gewalterbe. Im 13. Jahrhundert zerstörte die Goldene Horde unter Dschingis Khaan u. a. die Kiewer Rus. Die folgende 250-jährige Mongolenherrschaft brutalisierte das Leben in der Region, so mit rücksichtslosem Tributsystem und Barbarei. Politische Herrschaft zeigt sich in dieser Tradition bis heute durch die private Ausbeutung öffentlichen Eigentums. Der allmächtige Staat steht für Gewalt und Willkür, für Verbreitung von Angst. Russland kennt weder Machtteilung noch Renaissance, weder Reformation noch Zivilgesellschaft. Liberale Phasen dauerten nur „historische Sekunden“. (Bemerkenswert: auf unserer Reise durch die Mongolei im Jahr 2019 erklärte uns die junge Reiseleiterin selbst in Kharkhorin, dem Zentrum des früheren mongolischen Weltreiches unter Dschingis Khan, keine historischen Zusammenhänge. „Heldenhaft“ wären sie trotz mächtiger Denkmale nicht gewesen.) Der grossen Mehrheit der russischen Bevölkerung ist die politische Kultur des Westens fremd. Das mache Putin innenpolitisch unanfechtbar, meinen Beobachter:innen. Auch Russland zerfalle nicht einfach so. Denn historisch gab es Mitte des 17. Jahrhunderts ein „Erstes Reich“, das im Bewusstsein der Russen noch immer lebendig ist. Dessen Grenzen sind übrigens mit der heutigen Russischen Föderation fast identisch, es fehlt „nur“ die Hälfte der Ukraine – und diese wollte Putin mit seinen Soldaten ab 24. Februar mit einer „Spezialoperation“ rasch erobern. Sein Ziel: ein historisches Russland von 1660 wiederherstellen mit Weissrussland und der Ukraine, von einem „Zaren“ geführt, unterstützt von einer neuen „Aristokratie“ und von religiöser Besonderheit. Fachleute nennen ein solches Russland Moskowien.

Wird Diplomatie eine Chance bekommen?
In Russland gibt es eine aktuelle Ideologie, die auf der philosophischen Strömung „Krieg der Kulturen“ und auf der politischen Doktrin „Russisches Universum“ beruht. Putin stehe dieser nahe, sagen Analytiker:innen. Die aus seinem Mund oft gehörte Formulierung – „Es läuft nach Plan“. „Wir gehen nach Plan vor.“ – weist auf die „Neue Chronologie“ hin, verfasst von Anatolij Fomenko in 80 Bänden. Dieser schreibt darin die Geschichte neu. Er erfindet sie und verneint gleichzeitig zahlreiche anerkannte Begebenheiten. Zudem sind in Schulen Schriften von Alexandr Dugin Pflichtlektüre, so „Ukraine. Mein Krieg“. Den Krieg in der Ukraine versteht Dugin als Krieg gegen die Russophobie, gegen die Verwestlichung. Ein Krieg gegen alles, was das moderne Europa ausmacht. Westliche Historiker:innen bewerten solche Texte als pseudohistorisch. Doch Wladimir Putin beruft sich auf sie, zitiert sie, sieht dahinter den Plan eines Grossen Führers. Und wer nicht auf seiner Seite steht, kommt entweder ins Gefängnis oder wandert aus oder resigniert in innerer Emigration. Leider gibt es dafür manche Beispiele. Die Atmosphäre in Russland ist beeinflusst einerseits von Minderwertigkeitskomplexen und Hass in Bezug auf den „Westen“ sowie anderseits und paradoxerweise von einem Überlegenheitsgefühl des Russischen. Ob darum Diplomatie eine Chance haben wird? Was muss geschehen, damit die Bereitschaft zu Verhandlungen wächst? Könnten allenfalls Instrumente der Mythologie, der Mystagogie und der Esoterik helfen? Diese Sprache scheint er zu verwenden … Dürfen Putins frühere Reden vor dem Deutschen Bundestag im September 2001, auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 und vor der UNO im September 2015 noch zum Nennwert genommen werden? Was antworten darauf Krieg, Tod und Verwüstung in der Ukraine? Freunde in Sachsen bitten uns, keine simplen Schlüsse zu ziehen.

Ich halte fest: das vielschichtige europäische Haus braucht mehr historische und kulturelle Kenntnisse (die Geschichte weiss um manche Kriege mit Grenzverschiebungen gerade in Osteuropa). Es braucht ideologische Eindämmung in Ost und West, das Entlarven von Schwarz-weiss-Propaganda sowie eine militärische Abschreckung. Das ist ziemlich viel, ein komplizierter Kampf der Systeme. Doch davor den Kopf in den Sand zu stecken, wäre wohl die falsche Alternative. Ob zum Beispiel die Kasachstan-Konferenz mit dem Weltkongress der Religionen eine neue globale interreligiöse Dialog-Plattform werden kann? Vielleicht, trotz Skepsis. Denn Religionsgemeinschaften bestehen bekanntlich nicht nur aus friedensfördernden Sonnenseiten und artikulieren, wie politische Akteure, eigene Überzeugungen aus ihrer Geschichte heraus. Auch im religiös-kulturellen Bereich spielen Traditionen und deren Interpretation eine grosse Rolle. Ihre Wirkung geht tiefer als jene von „historischen Sekunden“ echter Ökumene.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert