Als Leserin oder Leser von regekult.ch wissen Sie, dass ich es Ihnen nicht einfach mache. Ich publiziere Texte, die mir und vielleicht auch Ihnen eine erkenntnisreiche Lektüre bieten wollen. Ob mir das gelingt? Da bin ich mir gar nicht sicher. Denn Sie haben ja Ihre eigenen festen Überzeugungen und klaren Lebensdeutungen. Warum sollte ich Ihnen in Ihr Selbstgespräch am gemütlichen Kaminfeuer hineinreden? Eben. – Lesen Sie dennoch weiter?
Philipp Sterzer will mein und Ihr Selbstgespräch stören. Er schrieb ein Buch mit dem Titel Die Illusion der Vernunft und dem Untertitel Warum wir von unseren Überzeugungen nicht zu überzeugt sein sollten. Beim Lesen habe ich ein paar Mal leer geschluckt – und mich selber erwischt bei zahlreichen Vorurteilen. Er geht dem Gehirn und dessen Aktionen nach.
Für eine Kultur der Unsicherheitstoleranz
Das Gehirn baut die Welt uns zum Nutzen für Überlebens- und Reproduktionschancen. Das stand bereits im März-Blog. Das Gehirn funktioniert als Vorhersage-Maschine. Dahinter stehe eine epistemische (= auf Fakten gegründete) Irrationalität. Wenn Erklärungsnot herrsche, kämen irgendwelche Erklärungen in uns zu Wort. Darum seien Übergänge zwischen „normal“ und „verrückt“, zwischen „Genie“ und „Wahnsinn“, zwischen „gesund“ und „krank“ fliessend – eine wichtige, relativierende Aussage. Überzeugungen seien nämlich eventuell unzutreffende Hypothesen. Absolute Gewissheiten gebe es nicht. Wenn wir daher aufgrund neuer Erkenntnisse Überzeugungen ändern, zeuge dies von Stärke! Der Autor plädiert für eine Kultur der Unsicherheitstoleranz, obwohl deren Ansehen eher tief sei.
Unsicherheit aushalten, ist nicht leicht. Denn Überzeugungen sind Teil jenes inneren Modells der Welt, das mein Gehirn für Vorhersagen nutzt. Sie helfen mir, schnelle und pragmatische Entscheide zu treffen. So mache ich mir die Welt, wie sie mir gefällt, wie sie für mich sicher und nützlich ist. Obwohl es rund um mich herum sehr unsicher zu und her gehen kann. Dass keine absoluten Gewissheiten existieren, sei übrigens die Basis für Ökumene, Innovation, kooperatives Zusammenleben, gute Politik, Frieden und für vieles mehr.
Wenn es für mich stimmt …
Religiöser Glaube und profaner Glaube (im Alltag oft zu hören: „ich glaube“) entziehen sich Prinzipien epistemischer, auf Fakten gegründeter Rationalität. Sie sind mit ihrer Irrationalität aber weit verbreitet und für viele in Ordnung. Beide Arten können praktische Rationalität sein: „für mich stimmt es“ im Sinn einer bequemen Haltung. Blinde Flecken – in der Kognitionspsychologie blind spot bias, Verzerrungsblindheit genannt – werden mit dem Phänomen Filling-in behandelt und aufgebessert (Auffüll-Mechanismus). Der Glaube an Übernatürliches biete Entlastung und Stressreduktion. Zudem biete die Zugehörigkeit zu einer Gruppe einen sozialer Grund für Irrationalität. Die für mich richtige Gruppe, die richtige Gesinnung, die richtige Identität, der richtige Fussballclub, die für mich richtige Musik usw. – das zähle viel mehr als Wissen. Epistemische Irrationalität sei ganz normal, sagen Fachleute.
Selbsttäuschungen noch und noch
Vorurteile, Befangenheit, Voreingenommenheit, Verzerrungen, blinde Flecken, ein Auffüll-Mechanismus, ein Mitläufer-Effekt, Gruppendynamiken – Selbsttäuschungen sind in der Kognitionspsychologie bestens bekannt. Eine kurze Aufzählung von Fachbegriffen:
- normalicy bias = Normalitätsverzerrung. Gefahren werden unterschätzt, Warnungen überhört, Schlimmes trifft nicht ein (so denken 70 % der Leute)
- optimism bias = Optimismusverzerrung. 80 % der Leute glauben, ihnen passiere nichts Schlechtes.
- negativity bias = Negatives hält besser im Gehirn.
- confirmation bias = Bestätigungsverzerrung. Informationen werden so interpretiert, dass sie scheinbar zu eigenen Überzeugungen passen. Ich höre, was ich hören will.
- myside bias = ich habe recht – andere täuschen sich.
- Die Summe der Vorurteile führt zu Rationalitäts-Unterstellungen: Es ist so, wie ich es sage. Ich baue mir meine Welt so, wie sie mir gefällt.
Selbsttäuschungen tragen zur Bildung meiner Überzeugungen bei. In der Religion und im Starkult spiele ausserdem der Halo-Effekt eine Rolle, der Heiligenschein. Von einer bestimmten, für mich positiven Eigenschaft einer Person schliesse ich bei ihr auf andere für mich positive Eigenschaften, obwohl ich diese nicht überprüft habe. Das Gleiche gelte für den Horn-Effekt (Teufelshörner als negative Bewertung). Die Umgangssprache bestätigt die Illusion der Vernunft, wenn es heisst: „Es war ein Bauch-Entscheid“ oder „ich höre auf meinen Bauch“. Ein „Kopf“-Mensch, ein verkopfter Typ wird eher negativ gedeutet.
Etwas ver-rückt
Die Pointe im Buch von Philipp Sterzer lautet: „Ich unterliege einer Rationalitäts-Illusion. Ich dürfte wohl etwas ver-rückter sein, als ich meine! Und ich zeige die starke Neigung, Fakten zu ignorieren, die mein Weltbild und mein Selbstbild gefährden. Ich mache mir die Welt so, wie sie mir gefällt.“ Der Autor ergänzt: „Alle Menschen sind irrational – auch die, die von ihrer Rationalität überzeugt sind.“
PS: Wenn Sie wissen wollen, was Philipp Sterzer beruflich in Basel macht, googeln Sie.